45. Grimme-Preis 2009

Brinkmanns Zorn (WDR)

 

Sonderpreis Kultur des Landes NRW an

Harald Bergmann (Buch/Regie/Montage)

Produktion: Harald Bergmann Filmproduktion

Stab

Buch/Regie/Montage: Harald Bergmann

Kamera: Elfi Mikesch, Harald Bergmann

Darsteller: Eckhard Rhode, Alexandra Finder, Martin Kurz, Rainer Sellien, Isabell Schosnig, Baki Davrak

Sound Design: Kai Tebbel, Volker Zeigermann, Matthias Lempert

Redaktion: Wilfried Reichert

Erstausstrahlung: Donnerstag, 12.6.2008, 23.15 Uhr

Sendelänge: 106 Min

Inhaltsangabe

 Szenenbild: Brinkmanns Zorn;Foto: Harald Bergmann FilmproduktionEin Mann beschimpft den „gelben schmutzigen Himmel“ über Köln, stößt Beleidigungen hervor, gegen die Menschen, die Häuser, die Stadt. Der Dichter Rolf Dieter Brinkmann hat aufgehört zu schreiben, weil er an der Literatur, an der Gegenwart verzweifelt, macht jetzt lieber Fotos und Filme, wie er sagt. Versucht die Momente zu bannen. Die 70er Jahre haben gerade begonnen. Er trägt ein Tonbandgerät mit sich. Wohin er auch geht. Fragen, Antworten, Geräusche: das Kratzen und Rauschen, wenn man Gegenstände über ein Mikrophon reibt. Die Stimmen seiner Frau, seines Sohnes, seiner Weggefährten. „Sprache, Wörter und Sätze sind zur Welterkenntnis untauglich“, sagt Brinkmann, doch die Wörter lassen ihn nicht los. Wie ein Besessener treibt er dahin, ziellos. Er plane sein Leben nicht ... Rolf Dieter Brinkmann starb 1975 nach einem internationalen Lyrikertreffen in London bei einem Verkehrsunfall kurz nach seinem 35. Geburtstag. Mit seinen zugleich faszinierenden und verstörenden Werk zählt er zu den umstrittensten Dichtern der 60er und 70erJahre. Ein Außenseiter, der dennoch wegweisend für andere Autoren war: experimentell, unbequem, rebellisch. In seinem Film „Brinkmanns Zorn“ versucht Harald Bergmann in das Universum des Rolf Dieter Brinkmann zu blicken. Spielszenen werden lippensynchron mit den Tonbandaufnahmen Brinkmanns verknüpft. Collagen, Fotos und Super 8-Filme aus dem Nachlass ergänzen das Bild und geben Einblick in das Schaffen seiner letzten drei Lebensjahre.

Begründung der Jury

„Brinkmanns Zorn“ ist ein Glücksfall. Mit ungestümer Kraft begibt sich der Film von Harald Bergmann auf die Suche nach den vielen Identitäten des Dichters, der mehr war als ein bloßer Sprachkünstler. Unter giftiggelbem Kölner Himmel streift der Film mit Rolf Dieter Brinkmann durch die gleichzeitig geliebte und gehasste Stadt, schlägt scheinbar wahllos auf den Alltag ein und überschreitet kühn jede Grenze der klassischen Fernsehdokumentation.

Liebe, Tod, Verzweiflung, Pop, Poesie: Gnadenlos stellt Brinkmann alles und sich selbst in Frage, entlarvt die scheinbare heile Welt der alten Bundesrepublik und verweigert sich jeder versöhnlichen Replik. Harald Bergmann gibt der Stimme und dem Auge Brinkmanns ein Gesicht und fügt eine ganze auditive und visuelle Welt hinzu: Wie Brinkmanns Original-Tonbandaufnahmen und Super-8-Filme in den Film eingebaut werden, ist große Kunst. Ein Poet, der seine Umwelt so bedingungslos und zornig in ihre Bestandteile zerlegt, wird hier selbst seziert, gnadenlos.

In beeindruckenden Spielszenen nimmt „Brinkmanns Zorn“ den Zuschauer bis an die Schmerzgrenze mit in das Universum des Rolf Dieter Brinkmann. Der Zuschauer wird Augen- und Ohrenzeuge von Brinkmanns Methoden, den Sprechexperimenten, Zeuge auch der mit überschnappender Stimme besorgten Synchronisation eines Lebens, dem sich alles – Frau, Kind, auch der Mensch Brinkmann selbst – unterzuordnen hatte.

Dabei geht „Brinkmanns Zorn“ weit über die üblichen Formen des Dokumentarfilms hinaus, ist selbst Klangspiel und kühnes Experiment. Harald Bergmann zitiert Brinkmanns Kollagetechnik und wendet sie selbst mit derselben Gnadenlosigkeit an. So entsteht ein wütend-verstörendes Porträt einer Literaturikone, die heute schon oft wieder vergessen wird.

Doch so sehr der Film auch schreit und brüllt, so groß wirken in „Brinkmanns Zorn“ auch die Stille und Verweigerung. Besonders anrührend gelingt es dem Film, das Verhältnis Brinkmanns zu seinem Sohn zu schildern: Die Sprachbehinderung des Kindes schafft eine vermeintlich unüberbrückbare Kluft zu Brinkmanns Welt. Doch die Liebe des Vaters zum Sohn ist so groß und so unbedingt wie sein Hass auf die Welt und seine berauschte Hingabe an die Sprache, die er dennoch für kaum mehr vertrauenswürdig hält und genauso anzweifelt wie alles, was ihn umgibt.

Harald Bergmanns Film „Brinkmanns Zorn“ ist ein wuchtiges, ungewöhnliches Stück Fernsehen über einen Kölner Poeten, der ganz gezielt Grenzen überschritt, um eine neue Kultur zu schaffen.

 
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