44. Grimme-Preis 2008

Zwischen Wahnsinn und Kunst (SWR/ZDFdokukanal)

 

Adolf-Grimme-Preis an

Christian Beetz (Buch/Regie)

Stab

Produktion: gebrueder beetz filmproduktion

Buch: Christian Beetz

Regie: Christian Beetz

Kamera: Matthias Schellenberg, Stefan Grandinetti, Jörg Jeshel

Schnitt: Lars Späth

Redaktion: Kurt Schneider (SWR), Simone Emmelius (ZDFdokukanal)

Erstausstrahlung: Donnerstag, 29.11.2007, 23.45 h

Sendelänge: 75 Min.

Inhaltsangabe

Foto: gebrueder beetz filmproduktion„Mein Feld ist die Welt“, hat Josef-Heinrich Griebing gesagt. Er erfand einen Kalender, der die Zeit über Jahrhunderte berechnete. In zahllosen Aufzeichnungen schuf er überdies ein gigantisches Handelsimperium mit weltweiten Niederlassungen für all seine Familienmitglieder. Rund 40 Jahre verbrachte er in Anstalten, nicht begreifend, warum er hier sitzen musste. Er ist einer der psychisch kranken Künstler der „Sammlung Prinzhorn“, die seit 2001 in einem ehemaligen Hörsaal in Heidelberg untergebracht sind. Mehr als 5000 Werke von rund 500 Patienten hat der Arzt und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zusammengetragen. Selbst depressiv und auf der Suche nach Anerkennung war Prinzhorn seiner Zeit voraus. Heute genießen die Zeichnungen und Skulpturen, die Psychiatriepatienten geschaffen haben, weltweite Bedeutung. Sie übten nachhaltigen Einfluss auf die heutige therapeutische Praxis, aber auch auf die Kunst der Moderne und Gegenwart aus. Damals vegetierten die Schöpfer dieser Werke in Anstalten vor sich hin. Ihre Werke wurden später von den Nationalsozialisten als „entartet“ abgestempelt, die Künstler selbst als „lebensunwert“ planmäßig ermordet. Der Film erzählt die Geschichte der „Sammlung Prinzhorn“, ihrer Künstler und gewährt Einblicke in den Kunst-Kosmos auch psychisch Kranker von heute.

Begründung der Jury

Von Kunst als Grenzgang zu reden, ist kaum mehr als eine abgegriffene Formel. Es ist nur einer von vielen Versuchen, das Verlassen aller Konvention als Tor zum Schöpferischen aufzustoßen. Aber was ist, wenn nicht die Kunst, sondern ihre Schöpfer selbst sich längst außerhalb dieser Grenzen befinden? Die Kamera versucht eine erste, eine vorsichtige Antwort, wenn sie die „psychiatrieerfahrene“ Vieira Schmidt zeigt, wie sie mit sicherer Hand eines ihrer vielen tausend Bilder malt und dann ganz selbstverständlich sagt: „Ich hab’s erreicht, was ich machen wollte: Frieden, Zuversicht.“

Christian Beetz’ Film „Zwischen Wahnsinn und Kunst“ erzählt vom Nervenarzt Hans Prinzhorn als jenem Mann, der die Kunst, die seine Patienten an der Wende des vorletzten Jahrhunderts schufen, nicht wie abwegigen Kehricht entsorgte. In einer Zeit, da die Diagnose noch geradeheraus „Verblödung“ hieß, sammelte Prinzhorn die durchchiffrierten und komponierten Arbeiten psychisch Kranker. Er stattete die „Insassen“ mit den nötigen Utensilien aus, nahm Bezüge zur zeitgenössischen Malerei wahr und setzte sich zugleich mit dem mitnichten etablierten Wert einer therapeutischen Dimension auseinander.

Das Kunst-Stück, das Beetz vollbringt, ist ein stiller Film über die Paralleluniversen jener Menschen, welche die Regularien unserer Welt nicht aushielten. Behutsam gleitet die Kamera – einem Museumsbesucher gleich – über einen erstaunlichen Kosmos. Gemalt und gezeichnet in einer Gesellschaft, deren Enden stets Gitterbett und Isolierzelle waren. Doch in dem Maße, in dem wir in den Sog dieser Entdeckungsreise zu jener terra incognita geraten, die in schillernden Wahngebäuden und ehrgeizigen Konstruktionen die Welt verstehen will, setzt Beetz’ Erzählen von der sich anbahnenden NS-Vernichtungsmaschinerie ein. Aus dem eben noch Entdeckten wurde Entartetes ...

Es ist kein Manko, sondern eine Stärke des Films, dass er von der historischen Bedeutung des Hans Prinzhorn, seiner Patienten und der Heidelberger Sammlung, die es ohne sie nicht gäbe, einen weiteren Weg abzweigt und immer wieder Platz nimmt in der Gegenwart. Den malenden psychisch Kranken von heute begegnet Christian Beetz in ihren Ateliers weder mit romantischem noch mit voyeuristischem Appeal; und erreicht mit diesem manierismenfreien, sanften Ton viel: nämlich uns – ein Zugang, den Schnitt, Text, Musik und Sprecher in bestechender Geschlossenheit vermitteln.

 
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