44. Grimme-Preis 2008

An die Grenze (ZDF/ARTE)

 

Adolf-Grimme-Preis an

Stefan Kolditz (Buch)

Urs Egger (Regie)

Christian Granderath (Produktion)

Jacob Matschenz und Bernadette Heerwagen (Darstellung)

Stab

Produktion: Colonia Media, Christian Granderath

Buch: Stefan Kolditz

Regie: Urs Egger

Kamera: Martin Kukula

Schnitt: Andrea Mertens

Darsteller: Jacob Matschenz, Bernadette Heerwagen, Max Riemelt, Florian Panzner, Corinna Harfouch, Jürgen Heinrich u.a.

Redaktion: Günther van Endert (ZDF)

Erstausstrahlung: Freitag, 7.9.2007, 20.40 h

Sendelänge: 105 Min.

Inhaltsangabe

Foto: ZDF/Steffen Junghans13 Minuten – der Zeitraum, um den Hitler den Bürgerbräukeller zu früh verließ und so dem gegen ihn gerichteten Anschlag entging... „Wegen dieser 13 Minuten stehen wir hier“, sagt Soldat Gappa, der an der deutsch-deutschen Grenze seinen Dienst verrichtet und die Souveränität der DDR gegen den westdeutschen Klassenfeind schützen muss. Im Sommer 1974 kommt auch Alexander Karow zu den Grenztruppen der DDR, die bei der zivilen Bevölkerung kein gutes Ansehen genießen. Sein Vater, ein angesehener Chemieprofessor, wollte dem Sohn den Wehrdienst durch seine Beziehungen zwar ersparen, doch Alexander lehnt sich auf. Er will keine Sonderbehandlung und seinen eigenen Weg gehen. Der führt ihn als Wachsoldat nun erst einmal an die Grenze: Wachtürme, Stacheldraht, Selbstschussanlagen, vermintes Gelände. Als Sohn eines „Bonzen“ ist er den Schikanen der älteren Soldaten noch mehr ausgeliefert als die anderen Neulinge in der Kompanie. Vor allem der Gefreite Kerner hat es auf ihn abgesehen, verliebt sich Alexander doch in die junge Bäuerin Christine, um die sich Kerner schon seit langem vergeblich bemüht. Während die anderen Soldaten vor dem Fernseher mit dem Team der DDR bei der Fußball-WM mitfiebern, schleicht sich Alexander heimlich zu seinen Rendezvous und begibt sich dabei immer mehr in Gefahr. Christines Bruder Knut rebelliert gegen den Staat und will die DDR verlassen. Nun soll Alexander ihm die Flucht in den Westen ermöglichen.

Begründung der Jury

Ein junger Mann auf dem Sprung ins Leben: sich abnabeln vom übermächtigen Vater, sich einen eigenen politischen Standpunkt erarbeiten, die Liebe in Angriff nehmen – soweit die Projekte des 19-jährigen Alexander Karow. Ein klassisches Coming-of-Age-Drama. In die Fernsehgeschichte aber wird „An die Grenze“ als ein politischer Film eingehen, einer, welcher der DDR ein Stück ihrer Realität zurückgibt. Eine Realität, die in den viel zu vielen schwarzweiß gezeichneten Filmen zum Thema von einer übermächtigen Fernsehästhetik ins Unkenntliche verzerrt wurde.

Der Zuschauer lernt die Nöte und kleinen Freuden eines NVA-Soldaten kennen, der im WM-Sommer 1974 an der innerdeutschen Grenze seinen Wehrdienst ableistet. So ähnlich könnte es gewesen sein: der Drill in der Kaserne, die sadistischen Rituale mit denen die Entlassungskandidaten die Jungsoldaten quälen, die Angst vor dem Schießbefehl und die Panik, wenn der Ernstfall einzutreten droht und man an die eigene Grenze stößt.

Autor Stefan Kolditz stand selbst mit der Waffe am „imperialistischen Schutzwall“. Für die Menschen auf der anderen Seite war die Grenze Symbol für ein inhumanes System, die Soldaten mit der Kalashnikov im Anschlag waren dessen Repräsentanten. Der Film ergänzt jenen West-Blick um die DDR-Binnensicht. An Glaubwürdigkeit gewinnt er durch den Mut, eine vermeintlich randständige Geschichte aus dem Spektrum der DDR zu erzählen, nur einen Ausschnitt zu zeigen und durch die Konsequenz, mit der er Individualität und Subjektivität zu den Grundpfeilern seiner Geschichte macht. So vermeidet Kolditz gängige Klischeebilder und Vorurteile.

Das Spannungsfeld, in dem sich der junge Held befindet, nimmt Regisseur Urs Egger filmästhetisch auf: „An die Grenze“ ist Kommissdrama, Liebesfilm und DDR-Reflexion in einem. Die verschiedenen Tonlagen schaffen eine vielschichtige Wirklichkeit, sorgen für große Wahrhaftigkeit. Jacob Matschenz spielt leise, zurückgenommen, als Alex ist er ein junger Mann auf Beobachtungsposten. Bernadette Heerwagen, gewohnt präzise in der Beiläufigkeit ihres Spiels, gibt das Gegenbild zum grauen Kasernenalltag. Doch auch Egger scheut die Schönheit nicht und projiziert wunderbar die junge Liebe auf die Natur. Landschaft und Kaserne ermöglichen überdies sehr viel nachhaltigere Bilder, als wenn wieder einmal die Stunde der Blümchentapete geschlagen hätte. Hier wird einem nicht in 105 Minuten die DDR erklärt, sondern es werden bewegende, anrührende, nie künstlich dramatisierende Geschichten von der deutsch-deutschen Grenze erzählt. Diese Bescheidenheit unterscheidet „An die Grenze“ so wohltuend von anderen Spielfilmen über den oft belächelten Arbeiter- und Bauernstaat. Sie macht diesen Film so wegweisend.

 
Zurück