43. Grimme-Preis 2007

Unter dem Eis (ARD/SWR/rbb)

 

Adolf-Grimme-Preis an

Aelrun Goette (Regie)

Jens Harant (Kamera)

Bibiana Beglau (Darstellung)

Stab

Produktion: EIKON Media, Ernst Ludwig Ganzert

Buch: Thomas Stiller nach einer Idee von Holger Badura

Regie: Aelrun Goette

Kamera: Jens Harant

Schnitt: Andreas Zitzmann

Darsteller: Bibiana Beglau, Dirk Borchardt, Adrian Wahlen, Sandra Borgmann u.a.

Redaktion: Sabine Holtgreve (SWR), Justus Boehncke (RBB)

Erstausstrahlung: Montag, 28.8.2006, 22.30 h

Sendelänge: 94 Min.

Inhaltsangabe

Dass Michael Niemayer, ein Polizist, die Akte eines ungeklärten Mordfalls mit nach Hause bringt, wird das Leben seiner jungen Familie aus der Bahn werfen. Der siebenjährige Sohn Tim entdeckt nämlich ein Tatortfoto. Darauf zu sehen ist die Leiche eines Mädchens, das im Wald mit einer Plastiktüte erstickt wurde.

Auf Tims Frage, ob das Mädchen tot sei, reagieren die Eltern mit der lapidaren Antwort „Nein, es schläft nur…“ und packen die Akte hektisch zur Seite. Einige Tage später kommt Tim verstört nach Hause, er war mit der Nachbarstochter Luzie im Wald. Seine Mutter Jenny lässt sich von ihm dorthin führen, wo Tim Luzie zurückgelassen hat. Das Mädchen wurde ebenfalls mit einer Plastiktüte erstickt. Die beiden Kinder haben „Schlafen“ gespielt, so wie Tim es auf dem Polizeifoto gesehen hat. Mutter Jenny gerät in Panik und versucht die Tat zu vertuschen: „Das war der böse Mann, der das andere Mädchen auch schon tot gemacht hat“, versucht sie ihrem Sohn einzutrichtern.

Doch das Geheimnis ist zu mächtig für den Siebenjährigen. Das von der Mutter inszenierte Versteckspiel verwirrt ihn immer mehr. Er wird in der Schule unaufmerksam und aggressiv, spielt die Eltern gegeneinander aus und droht an der Verdrängung zu zerbrechen. Was die Familie bewahren sollte, droht nun ins Gegenteil umzuschlagen. Jenny und Michael streiten sich immer häufiger. Außerdem hat sich der Täter des ersten Mordes mittlerweile der Polizei gestellt. Michael ahnt nun, wer für Luzies Tod verantwortlich ist…

Begründung der Jury

„Unter dem Eis“ ist ein Vorstadtfilm. Draußen in der Siedlung an den Rändern Berlins: die Einfamilienhäuser, die Zweitwagen, die Kinder und die Haustiere. „Ich bin total froh, dass wir hier hingezogen sind“, sagt die Nachbarin. Und man versichert sich gegenseitig, dass einen die Hypothekenzinsen nun für den Rest des Lebens begleiten werden. Diese Häuser sind Traumschloss, Trutzburg und Gefängnis zugleich. 
„Unter dem Eis“ ist ein Familienfilm, erzählt von der Sehnsucht nach Geborgenheit und von verborgenen Sehnsüchten. Der kleine Junge mag nicht mehr mit dem Vater rodeln. Ein einfaches, genau gefilmtes Bild: Ein Riss geht durch die Welt. Menschen beginnen sich zu verlieren. Und die Schwiegermutter insistiert, dass es doch ihr zinsloses Darlehen sei, auf dem das neue Glücksversprechen steht. Altes Geld finanziert die Neubausiedlungen.

„Unter dem Eis“ ist ein herausragender Film; ein schonungslos intensives Kammerspiel hinter den Fensterfronten eines schneeweißen Bungalows. Herausragend sind seine Akteure, allen voran Bibiana Beglau als junge Mutter, eine entfremdete Frau mitten in der voyeuristischen Intimität der Siedlung. Beeindruckend, wie sie sich in ihrer genau nuancierten Körperlichkeit den Ritualen der neuen Nachbarinnen entzieht. Auf der Dessousparty behält sie als einzige ihre Bluse an. Später krümmt sie sich nackt vor einer Waschmaschine. 

Am Anfang steht ein Verbrechen, das doch keines ist. Der achtjährige Tim erstickt die Nachbarstochter Luzie unter einer Plastiktüte – genau so, wie er es auf den Fotografien des Vaters, einem Kriminalkommissar, gesehen hat. Die Mutter wird zur Komplizin und mithin zur eigentlichen Täterin. Manisch versucht sie, zu einer Normalität zurückzukehren, die doch nie anderes als eine Fassade war. Und die von Aelrun Goette – Psychogramme von Tod und Verzweiflung hatte sie bisher als Dokumentarfilmerin nachgezeichnet – als genau das inszeniert wird. 

Am Ende verdichtet sich der Film in all seinen Qualitäten: die konzentrierten Bilder von Kameramann Jens Harant, die kalten Farben und die präzisen Blicke. Das aufmerksame Spiel mit den Innen- und Außenperspektiven. Die Menschen schauen aus den Fenstern, und wir Zuschauer schauen umgekehrt durch diese Fenster in die Menschen hinein. Berührend, ja bedrückend: die Präsenz der Schauspieler. Unheimlich, wie Adrian Wahlen, das schuldige und doch schuldlose Kind, unter Tränen vibriert. Wie allen die Worte fehlen und der Schnee die Schreie dämpft. Großartig, unmittelbar. Dicht und ergreifend.

 
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