43. Grimme-Preis 2007

Stellmichein! (ZDF)

 

Adolf-Grimme-Preis an

Katrin Rothe (Buch/Regie)

Stab

Produktion: Ö Film, Frank Löprich und Katrin Schlösser

Buch/Regie: Katrin Rothe

Projektentwicklung: Jenni Kriegel

Kamera: Robert Laatz, Manuel Zimmer

Schnitt: Silke Gänger

Sprecherin: Hannelore Hoger

Redaktion: Alexander Bickel, Frank Seyberth

Erstausstrahlung: 8.11.-29.11.2006, jew. mittwochs, ca. 0.00 h

Sendelänge: je 28 Min.

Inhaltsangabe

„Freiheit ist die Anerkennung von Regeln“ – das ist ein kluger Satz, den Hermanns Oma in einem Kalender gefunden hat. Und weil es von solchen Sprüchen viele gibt, wird die alte Frau auch nicht müde, ihrem Enkel immer wieder neue Zettelchen auf den Schreibtisch zu legen. Hermann reagiert genervt, Kalendersprüche bringen schließlich keine Jobs, und immer nur im Call-Center ein paar Euro verdienen will der studierte Geograph auch nicht. Er ist auf Jobsuche, seine Freundin Bukket auch. Aber wie findet man den Einstieg ins Berufsleben? Wie findet man eine neue Stelle, wenn man arbeitslos geworden ist wie der Kommunikationstrainer Volker oder die Sekretärin Heidrun, die nach 80 Bewerbungen genauso viele Absagen kassiert hat?

Die Doku-Soap „Stellmichein!“ begleitet eine Handvoll Menschen auf ihrer Suche nach einer Anstellung, dokumentiert deren Bewerbungsstrategien und schildert ihre Sorgen und Nöte. Die Geschichten werden einfühlsam erzählt, dabei wird aber auch nicht auf die kleinen Anekdoten verzichtet, die Menschen manchmal im Eifer des Gefechts passieren können. So hat Bürokaufmann Michael sich vorgenommen, fleißiger zu sein als die Arbeitsagentur es verlangt und schreibt kurzerhand 100 statt der geforderten 20 Bewerbungen im Monat. Als die alle eingetütet sind, liegen da aber nur 99 Briefumschläge. In einem müssen also zwei Bewerbungen sein, aber in welchem? Die Doku-Sequenzen bei „Stellmichein!“ werden ergänzt um Zeichentrickpassagen, die überall da einspringen, wo die Kamera nicht hin durfte, etwa bei Vorstellungsgesprächen oder Seminaren.

Begründung der Jury

Alle Monate wieder, wenn die Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg die aktuelle Arbeitslosenstatistik bekannt gibt, beherrschen die Zahlen die Fernsehnachrichten und die ersten Seiten der Zeitungen. Mehr als vier Millionen Arbeitslose: das ist zwar jeden Monat wieder bedrückend, doch leider business as usual. Autoren, die im Fernsehen über Arbeitslose berichten, tun sich schwer: Wie soll man zeigen, was jemand nicht hat? Keine Arbeit, kein Geld, keine Anerkennung, keine Sicherheit? 

Katrin Rothe gelingt genau dies: In „Stellmichein!“ begleitet sie fünf Arbeitslose bei der Suche nach Arbeit. Daniela, Heidrun, Michael, Volker und Hermann sind Menschen wie du und ich. Sympathisch und voller Hoffnung, bald einen Job zu finden, und dazu sehr engagiert. Wir leiden mit, wenn Arbeitgeber sich drei Wochen nach dem Vorstellungsgespräch nicht melden, wenn eine Absage kommt, obwohl der neue Job doch eigentlich per Handschlag schon versprochen war. Fünf Personen von vier Millionen kommen uns nahe: Sie jammern nicht, sie kämpfen. Sie freuen sich, wenn sie zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werden, lassen uns teilhaben an ihren Hoffnungen und Plänen, an ihren finanziellen Sorgen und ihren familiären Problemen. Und sie haben trotz allem Humor: Daniela zeigt einmal auf ihren mit Geldscheinen bedruckten Vorhang und sagt: „Zur Not schneide ich das Geld hier aus und bezahl mit dem.“

Katrin Rothe – gelernte Trickfilmerin – hat zu einem wunderbaren Trick gegriffen, um uns auch das zu zeigen, was der Kamera gewöhnlich verborgen bleibt. Die Vorstellungsgespräche, zu der die Journalistin nicht mitkommen konnte, werden in kleinen Trickfilmen nachgespielt. Immer erzählen die Protagonisten die Geschichten aus ihrer Sicht, die Zeichnerin kommentiert diese Erzählungen aber gelegentlich ganz dezent mit wunderbaren kleinen ironischen Details in den gezeichneten Figuren. So deutet die zusammengesunkene Sitzhaltung eines Protagonisten an, dass er sich von vornherein in diesem Gespräch nicht allzu viele Chancen gab. Ein herabgezogener Mundwinkel, ein bewundernder Blick – in den kleinen Gesten liegt viel Zärtlichkeit. 

Soziale Themen, besser gesagt: die Schlagzeilen über die schlechte soziale Lage vieler Betroffenen beherrschen scheinbar die Fernsehberichterstattung, doch die Menschen verschwinden gewöhnlich hinter diesen Schlagzeilen. Zu häufig sehen wir gut gemeinte Reportagen, deren klagender und anklagender Ton jedoch meist schlecht zu ertragen ist. Das Elend der anderen, man will es nicht wirklich sehen. Umso beeindruckender ist, was Kathrin Rothe hier gelungen ist: Sie beschönigt nichts, aber hier wird auch nicht gejammert. Und immer, wenn einem die Geschichten doch etwas zu nahe gehen, rückt der Trickfilm sie wieder ein bisschen von uns ab. Fünf Menschen von vier Millionen: jeder ein Einzelfall – aber auch exemplarisch. 

 
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