43. Grimme-Preis 2007

Polizeiruf 110: Er sollte tot (ARD/BR)

 

Adolf-Grimme-Preis an

Rolf Basedow (Buch)

Dominik Graf (Regie)

Edgar Selge und Rosalie Thomass (Darstellung)

Stab

Produktion: BurkertBareissDevelopment, Gloria Burkert und TV60Film, Bernd Burgemeister

Buch: Rolf Basedow

Regie: Dominik Graf

Kamera: Alexander Fischerkoesen

Schnitt: Ulla Möllinger

Darsteller: Edgar Selge, Michaela May, Jochen Striebeck, Rosalie Thomass, Ulrike C. Tscharre u.a.

Redaktion: Dr. Cornelia Ackers

Erstausstrahlung: Sonntag, 6.8.2006, 20.15 h

Sendelänge: 90 Min.

Inhaltsangabe

“Er sollte tot…“ – ein Zitat aus Originalverhörprotokollen, die Handlung entwickelt nach einem wahren Kriminalfall. „Er sollte tot“ ist über weite Strecken die Geschichte eines Verhörs, bei dem nach und nach das Motiv für den Mord an einem alten Mann enthüllt wird. Die junge Maria Lorenz sucht über Kontaktanzeigen einsame, ältere Männer und bietet ihnen auch im Haushalt und bei der Pflege ihre Dienste an. Die Männer fühlen sich geschmeichelt, gar geliebt und zeigen sich erkenntlich.

Maria Lorenz aber braucht Geld, viel Geld, angeblich für ihre alte kranke Mutter, die Männer geben es ihr bereitwillig. „Die sind doch froh und freuen sich, wenn sie das Geld abgeben können“, sagt Maria im Verhör mit Kriminalhauptkommissar Jürgen Tauber. Nur der alte Johannes Walter hegt Misstrauen und will nicht mehr mitspielen. Unter dem ständig wachsenden Druck ihres Zuhälters schmiedet Maria, die sich mit dem Geld freikaufen will, einen tödlichen Plan. Sie heuert einen Mann an, der den alten Johannes Walter töten soll.

Sie selbst wird bei der Tat dabei sein, obwohl sie sich zunächst weigert. Gemeinsam dringen die zwei an einem späten Abend in das Haus des Mannes ein. Wie der Mord genau abgelaufen ist, gesteht Maria Lorenz Kriminalhauptkommissar Tauber erst ganz zum Schluss – beinahe fassungslos über ihr eigenes Verhalten: „Komisch, dass ich immer sage: ich musste… er sollte… Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass ich das war…“

Begründung der Jury

Schon wieder? Ja, wieder bezaubert der „Polizeiruf“ Grafscher Machart, ist kein Überdruss zu spüren. Mit Verve stürzt sich „Er sollte tot“, skurriles Zitat aus einem realen Fall, in die unübersichtlichen Verhältnisse. Im Vorort Erding wird ein Rentner erschlagen aufgefunden, ausgerechnet zu Taubers heiliger Billardzeit. Eine notorisch Verdächtige ist rasch gefunden: die junge Nutte Maria, deren lukrativerer Job es jedoch ist, ältere, vereinsamte Herren nach Strich und Faden auszunehmen. Mal ist es die kulleräugig vorgetragene Geschichte von der just gekündigten Wohnung, die den vereinsamten Alten zum Sparbuch greifen lässt; dann wieder ist Marias Mutter schwer erkrankt und nur eine schnelle, teure Operation kann helfen...

Ironie der Doppelverdienerin: Mit dem Geld, das sie sich ergaunert, will sie sich von ihrem Zuhälter freikaufen. Das leicht benebelt wirkende Babydoll aus der Provinz wird verhaftet und gibt sich störrisch. So kommt Tauber nicht weiter, er muss versuchen, sich „hineinzuschleichen“ in diese verkorkste Psyche. Eine geschlagene Stunde lang wird nun fast nur verhört, werden die Bruchstücke von Marias Leben, das auch ihr selbst seltsam fremd (geworden) ist, nach und nach zusammengefügt – ein Psycho-Ballett mit durchaus humoristischen Einsprengseln, bei der die fast stumme Protokollantin dezent mitmischt. Dieses Verhör, bei dem Tauber die zitternde, zerrissene, haltlose junge Frau behutsam umkreist, ist eine mühselige, aber für den Zuschauer jederzeit spannende Angelegenheit. Die Dialoge sind fein gesponnene Kunststückchen: So nimmt Maria, das verwirrte Kind, das keine Erklärung dafür findet, wie sie in all das hineingeraten ist („Das kann ich mir gar nicht vorstellen, dass ich das war“), stets dann Zuflucht zu einer besonders „gewählten“, distanziert-distanzierenden Sprache, wenn sie von jenen Demütigungen durch ihre Zuhälter erzählt, die noch eine Spur ekliger, schlimmer waren als andere.

Eine Fülle kleiner, tragisch abgebrochener Gesten, die selten so eindrucksvoll demonstrierte Kunst der Pause und die Magie der höllischen Bilder, die Marias Vergangenheit illustrieren: all das packt, macht beklommen. Dominik Graf führt, mit freundlicher Hilfe seines Autors Rolf Basedow, einen Kosmos vor, in dem viel Geld gegeben wird für ein paar gute Worte, fern von jedweder Selbstbestimmtheit. Edgar Selge ist – ja, schon wieder – schlicht brillant in seiner feinen Verstörtheit, die 19-jährige Rosalie Thomass ist ihm eine verblüffend intensive Partnerin. 

 
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