43. Grimme-Preis 2007

Deutsche Lebensläufe: Fritz Lang (ARD/SWR)

 

Adolf-Grimme-Preis an

Artem Demenok (Buch/Regie)

Andreas Christoph Schmidt (Produktion)

Stab

Produktion: Schmidt & Paetzel Fernsehfilme, Andreas Christoph Schmidt

Buch/Regie: Artem Demenok

Kamera: Michael Boomers

Schnitt: Michael Auer

Redaktion: Martina Zöllner, Kurt Schneider

Erstausstrahlung: Donnerstag, 11.1.2007, 23.00 h

Sendelänge: 45 Min.

Inhaltsangabe

Eigentlich hatte er Architektur studiert. In die Geschichte ist er aber als großer Regisseur des noch jungen Mediums Film eingegangen: Fritz Lang stand wie kein anderer für den monumentalen Film der 20er Jahre. 1890 in Wien als Sohn einer Jüdin geboren, betrat er 1922 die große Bühne mit Werken wie „Dr. Mabuse“ und „Die Nibelungen“, einer gigantischen Produktion, die auch die Nazis begeisterte. Alle seine deutschen Filme entstanden in Ateliers, nicht an Originalschauplätzen. Lang wollte nichts dem Zufall überlassen. 1927 setzte er sich mit „Metropolis“ sein eigenes filmisches Denkmal. Die Vision einer Großstadt im Jahr 2000 gilt auch heute noch als Meisterwerk.

„Das ist der Mann, der uns den nationalsozialistischen Film bringt“: Reichspropagandaminister Goebbels wollte Fritz Lang für seine politischen Ziele gewinnen. Lang verließ aber wenige Monate später das Land, zog erst nach Paris, dann in die USA. Auch wenn dort Stars wie Gary Cooper, Marlene Dietrich und Marilyn Monroe für ihn vor der Kamera standen – die ganz großen Erfolge wurden seine amerikanischen Filme nicht mehr. Auch deutsche Produktionen aus den 50er und 60er Jahren wie „Der Tiger von Eschnapur“ und „Dr. Mabuse“-Fortsetzungen knüpften nicht an seine großen Meisterwerke an. 1976 starb Fritz Lang fast blind in Beverly Hills. Für die Reihe „Deutsche Lebensläufe“ hat Artem Demenok das Leben Langs anhand von Filmausschnitten und seltenen Interviewdokumenten nachgezeichnet. Regisseure wie Claude Chabrol und Volker Schlöndorff berichten vom Einfluss Fritz Langs auf ihr eigenes Schaffen.

Begründung der Jury

Kann man Fritz Lang filmen, kann man ihn verfilmen? Wie geht man um mit diesem Regisseur, der wie kein zweiter den deutschen Monumentalfilm der Stummfilmära bestimmte und dabei ganz neue ästhetische wie technische Maßstäbe setzte? Artem Demenoks Fritz-Lang-Film ist ein Portrait der ganz besonderen Art. Wo andere die Ästhetik von Langs Filmen erzählen würden, setzt Demenok sie in Szene und taucht den Meister in sein eigenes Licht, seine eigene Bildsprache.

Die legendären düsteren Räume und die perspektivischen Verzerrungen des Großfilmers begegnen uns wieder als düstere Räume und perspektivischen Verzerrungen in Langs eigenem Leben. Und wie die Anamorphose den richtigen Spiegel braucht, um ihr Geheimnis preiszugeben, spiegelt Demenok Lang in dessen ganz persönlicher Semiotik. Der Film beschwört die expressiv düstere Atmosphäre der Langschen Filme herauf, mit dem Kitsch spielend, aber ohne ihm zu verfallen. 

Denn nüchtern und unpathetisch öffnet sich der Blick auf einen Menschen, der wenig Menschliches von sich preisgab. Wo Lang alle wahrhaftige Auskunft über sich selbst versagt, versagt sich auch der Film der Spekulation. Aphorismen und Metonymien sagen mehr als tiefenpsychologische Betrachtungen; Langs Reisepass, ein bunt gestempeltes Zeugnis seines geordneten Rückzugs aus Deutschland, entlarvt den frei ersponnenen rhetorischen Farbfilm seines angeblich heldenhaften Konsequenzialismus beim Anblick des machttrunkenen Goebbels. Das mythische Chamäleon Fritz Lang, ein Lebenslauf aus Erfolgen und Eskamotagen, wird nicht demontiert; es wird vielmehr gezeigt, wie es sich selbst sah oder sehen wollte. Nur drei Zeitzeugen bereichern den Film mit ihren Erzählungen über den Übervater des Kinos.

Doch auch sie erzählen nicht den wahren Fritz Lang, sondern sie erzählen ihren Fritz Lang. Claude Chabrol und Jean-Marie Straub wirken dabei selbst wie Figuren aus einem Fritz-Lang-Film. An einem einsamen menschenleeren Strand an ein Auto gelehnt, gestikuliert Chabrol; und Straub – im Trenchcoat, die marottenhafte Zigarre wie angeklebt auf den Lippen – wirkt wie der schrullige Filmkommissar einer vergangenen Zeit; Bilder aus der Zeit von Mabuse.

Artem Demenoks Film ist die Inszenierung eines Inszenators, der sich selbst inszenierte. Schon zu Lebzeiten die Legende seiner selbst, erscheint Fritz Lang, der Zyklop mit der Kamera, als Teil eines unverkennbaren Zeichensystems, das er für und um sich selbst erfand. Diese Ästhetik vorzuführen, sie umzusetzen in einer kongenialen Bildsprache, ist die einzigartige Leistung dieses so subtilen wie ausbalancierten Portraits im Grenzbereich zwischen Wahn und Realität.

 
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