42. Grimme-Preis 2006

Weltmarktführer - Die Geschichte des Tan Siekmann (ZDF)

 

Adolf-Grimme-Preis an

Klaus Stern (Buch/Regie)

Stab

Redaktion: Christian Cloos

Buch/Regie: Klaus Stern

Kamera: Harald Schmuck

Schnitt: Rike Anders

Produktion: Stern Film

Sendelänge: 95 Min.

Erstausstrahlung: Montag, 7.11.2005, 0.15 h

Inhaltsangabe

"Er hat keine Gefahren gesehen, schon als Kind nicht. Er meinte, wenn man Arme und Beine benutzt, kann man aus einem hohen Baum springen und fliegen!" So beschreibt die Mutter von Tan Siekmann ihren Sohn, ein ehemaliges Wunderkind der New Economy.

Mitte der 80er Jahre kauft der hessische Schüler Tan Siekmann das marode Software- Unternehmen Biodata zum symbolischen Preis von einer Mark. Er programmiert in den Sommerferien Tag und Nacht, um den letzten Auftrag der Firma zu erfüllen, und legt damit den Grundstock für seinen beispiellosen Aufstieg im IT-Geschäft. Tan Siekmann wird in den Folgejahren als Star derComputerbranche gefeiert. Inzwischen spezialisiert auf ISDN Datenverschlüsselung, geht das Unternehmen im Februar 2000 an die Börse. Es wird der erfolgreichste Neustart am Neuen Markt, den es je gab. Eine Seifenblase, die im November 2001 platzt: Nachdem die Kurse ins Bodenlose fallen, meldet Biodata Insolvenz an. Die Anleger verlieren mit dem Börsencrash viel Geld.
Doch Tan Siekmann will die Realität nicht sehen.

Er kauft im April 2002 Teile der Firma für einen Restart zurück und glaubt unbeirrt an den einen großen Deal, der Biodata wieder ins Spiel zurückbringen wird. Er kommt nie zustande, doch von sich selbst überzeugt, kämpft Siekmann verbissen optimistisch weiter und vertröstet seine verbliebenen Mitarbeiter mit motivierenden Reden. Aber durch Reden allein können keine Mieten und Gehälter gezahlt werden. Klaus Stern hat Tan Siekmann mehr als ein Jahr bei Geschäftsreisen, Gerichtsverhandlungen und im Privatleben begleitet.

Begründung der Jury

"Wir sind unserer Planung ein Jahr voraus": Irgendwann sagt der abgestürzte "Weltmarktführer" Tan Siekmann dieses schönste seiner Bonmots und
den vielleicht treffendsten Satz zur New Economy überhaupt. Vom Kleinprogrammierer zum Börsen-König und von dort zurück zum Kleinprogrammierer: Klaus Stern erzählt die Geschichte vom raschen Aufstieg und tiefen Fall des jungen Tan Siekmann und dessen Firma "Biodata".

Kein Heldenepos und keine Komödie, sondern eine Farce. Im Februar 2000 landet Siekmanns Firma den erfolgreichsten Neustart am Neuen Markt. Ein leuchtender Komet am Himmel der New Economy, und schon bald darauf ein Irrlicht im Kosmos der Kurven, die die wahre Welt bedeuten sollen. Dabeo ist "Biodata" kein Weltkonzern, sondern ein völlig überschätzter ‚Gemüseladen', gefüllt nicht mit marktfähigen Produkten, sondern mit Spekulationen und Illusionen. Eine seltsame Blüte aus einer Zeit, in welcher der Wirtschaft und allen vom Rendite-Rausch beflügelten Menschen Träume wichtiger erschienen als die Wirklichkeit, Illusionen wärmer als Fakten: Wir werden sein ein einig Volk von Aktionären. Länger als ein Jahr hat Klaus Stern Tan Siekmann auf seinem Weg zurück ins verlorene Paradies begleitet, die vergebliche Rückkehr zur "Weltmarktführerschaft" beobachtet. Ein Jahr ohne Wunder, mit endloser Abfolge schlechter Geschäfte und trotziger Durchhalteparolen. Gelungen ist Stern eine faszinierende Milieustudie aus der psychischen Terrorsszene der New Economy, erzählt im Stil des direct cinema, ohne Off-Kommentar.

Ein Film unter sehr wenigen, der die Zeit des Aktienbooms und Börsenwahns ernst nimmt und zum Thema einer hervorragenden Dokumentation macht. Stern kommt seinem Protagonisten ungewöhnlich nah, zeigt ihn in nahezu allen Lebenslagen. Entlarvend, aber niemals denunzierend nimmt er den Zuschauer mit auf die Reise in eine Welt, die New Economy hieß, das Ende der Arbeit verhieß und die Beteiligung der Arbeitnehmer am Produktivvermögen; und die doch hilflos zusammensackte, wie ein zur Unzeit vom Feuer weggerissener Auflauf. "Man hat sich gemeinsam stark gefühlt", sagt ein schulterzuckender Ex-Weltmarktführer in Sterns Kamera. Verraten und verkauft dagegen fühlt sich der naive Kleinaktionär, der unvermittelt hinter seiner Spielzeugeisenbahn im Garten auftaucht. Ein realer Zug kommt vorbei, groß und laut; er zeigt, wo es im wirklichen Leben langgeht. Subtile Bilder und intelligente Schnitte wie diese fangen Spiel, Wahn und Realität ein. Fotografische Metonymien, so unaufdringlich wie eindringlich, machen Klaus Sterns Film zu einer herausragenden Dokumentation auf kaum beackertem Terrain. Sorgsam ausbalanciert erscheint das Spiel: hier eine mitunter fast unangenehme körperliche Nähe, dort eine große emotionalen Distanz, eine nüchtern-unschuldige Kamera und ein entschlüsselnder Schnitt.

 
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