42. Grimme-Preis 2006

Stromberg (ProSieben)

 

Adolf-Grimme-Preis an

Ralf Husmann (Buch)

Moritz Netenjakob (Buch)

Lars Albaum (Buch)

Dietmar Jacobs (Buch)

Ron Markus (Buch)

Christoph Maria Herbst (Darstellung)

Stab

Redaktion: Edda Sonnemann, Dagmar Harms

Buch: Ralf Husmann, Moritz Netenjakob, Lars Albaum, Dietmar Jacobs, Ron Markus

Regie: Arne Feldhusen (Flg. 1-5, 8, 9, 11), Andreas Theurer (Flg. 6, 7, 10)

Kamera: Johannes Imdahl

Schnitt: Martin Wolf

Darsteller: Christoph Maria Herbst, Bjarne I. Mädel, Diana Staehly, Oliver K. Wnuk, Martina Eitner-Acheampong, Maja Beckmann, Therese Hämer

Produktion: Brainpool TV GmbH

Sendelänge: je 45 Min.

Erstausstrahlung: 11.9.2005-27.11.2005, jew. Montag, ca. 22.15 h

Inhaltsangabe

Jeder kennt mit Sicherheit Menschen, die genau so sind wie Bernd Stromberg. Jedenfalls, wenn er jemals in einem größeren Büro gearbeitet hat. Bernd Stromberg war mal Ressortleiter der Schadensregulierung M-Z bei der CAPITOL-Versicherung. Inzwischen wurde umstrukturiert, und nicht er hat den Chefposten bekommen, sondern ein gewisser Herr Becker. In Strombergs Ehe kriselt es, und die Midlife-Crisis hat ihn auch erwischt. Kurzum: Es läuft gerade überhaupt nicht rund. Zum Glück ist Stromberg ein Typ, der so was wegstecken kann: nach oben schleimen und nach unten treten. Egozentrisch, sarkastisch, zielstrebig und rationell denkend. Man könnte auch sagen faul … jedenfalls was das Arbeiten betrifft. Im Erfinden neuer Taktiken, sich selbst im besten Licht darzustellen, ist er hingegen sehr eifrig.

Leider selten mit Erfolg, denn am Ende ist es immer Stromberg, der gewaltig auf die Nase fällt. Währenddessen läuft sich der bieder buckelnde Ernie (der zwar Berthold heißt, aber von keinem seiner Kollegen ernstgenommen wird) für Führungsaufgaben warm. Der selbst ernannte Frauenschwarm Ulf hat derweil an seiner Beziehung mit Kollegin Tanja zu knabbern, deren Nestbautrieb ihm so gar nicht geheuer ist. Und die mollig-muntere Erika ist vor allem an der lautstarken Verbreitung von Klatsch und Tratsch interessiert. Und dann landet dieser ganze Büroalltag auch noch detailliert im Fernsehen. Ein Kamerateam filmt nämlich rund um die Uhr für eine Dokumentation. Stromberg hat es wirklich nicht leicht …

Begründung der Jury

"Ich hab wirklich wichtigeres zu tun", sagt Stromberg, "als hier mit Ihnen Maulaffen... zu..." Hier endet der Satz. Bernd Stromberg, Bereichsleiter Schadensregulierung bei der Capitol-Versicherung, würde von sich sagen, dass er ein großer Meister der deutschen Sprache ist. Aber er würde ja auch von sich sagen, dass ihm im Umgang mit Menschen niemand etwas vormacht. Es ist diese Diskrepanz zwischen Selbstbild und Realität, die Stromberg zu so einem beunruhigenden Mitmenschen macht, einer Zumutung von Chef, einer traurigen Figur. Sein Leben besteht im wesentlichen aus einer ewigen Abfolge von drei Phasen: Zunächst lässt er sich aus Darstellungsdrang, Selbstüberschätzung,
Boshaftigkeit oder reinem Überschwang zu Aktionen verleiten, die wirklich nicht gut durchdacht waren. Dann findet er sich in peinlichen Situationen wieder und merkt nicht, wie er sich um Kopf und Kragen redet, während alle anderen um ihn schon mit den Zähnen knirschen. Und schließlich, wenn er endlich ahnt, dass das nicht so richtig gut gelaufen ist, und versucht, sich und andere davon zu überzeugen, dass das doch gut gelaufen ist oder wenigstens nicht seine Schuld war, reitet er sich immer weiter hinein. Es ist ein merkwürdiger Reiz, den die Serie ausübt.

Es ist der Reiz des Fremdschämens. Es sind diese Situationen, in denen menschliche Kommunikation zunächst unscheinbar, aber unaufhaltsam und am Ende spektakulär schief läuft. Normalerweise sind solche Situationen zu unerträglich, um sie anzusehen. Bei "Stromberg" werden sie zum überfahrenen Tier am Straßenrand, von dem man den Blick nicht abwenden kann: Mit aufgerollten Zehennägeln verfolgen wir das eigentlich unerträgliche Geschehen; die Selbstlügen, die durchsichtigen Ablenkungsmanöver, die kurzfristigen Auswege, die langfristig in die Sackgasse führen müssen. Das Geheimnis von "Stromberg" besteht darin, diese alltäglichen Kommunikationskatastrophen realistisch genug zu schildern, um weh zu tun, und überspitzt genug, um komisch zu sein.

Dass dies gelingt, liegt an den grandiosen Schauspielern, allen voran Christoph Maria Herbst, der die Abgründe des Bernd Stromberg in vielen kleinen Gesten, Marotten, Nuancen in der Intonation zeigt. Sein Stromberg ist nicht nur ein Ekel, sondern auch eine zutiefst verunsicherte, überforderte traurige Figur, und meisterhaft schafft er es, dass man über diesen Chef nicht nur lacht oder ihn hasst, sondern gelegentlich auch Mitleid mit ihm entwickelt und ihn in all seiner unsympathischen Art irgendwie lieb gewinnt. Es liegt aber auch an den Drehbüchern, die aus dem britischen Vorbild "The Office" (nach einigem Hickhack läuft "Stromberg" seit der zweiten Staffel mit offizieller Lizenz der BBC) eine durch und durch deutsche Büroserie gemacht haben. Oder wie Stromberg sagen würde: "Familie und Arbeitsplatz, das ist wie Baader und Meinhoff."

 
Zurück