42. Grimme-Preis 2006

Abschiebung im Morgengrauen (NDR)

 

Adolf-Grimme-Preis an

Michael Richter (Buch/Regie)

Stab

Redaktion: Werner Grave

Buch/Regie: Michael Richter 

Kamera: Kai Sönnke

Schnitt: Petra Dosenbach

Produktion: NDR, Katharina Janssen

Sendelänge: 44 Min.

Erstausstrahlung: Montag, 18.4.2005, 23.00 h

Inhaltsangabe

"Wir buchen, Sie fluchen… - Reisebüro Never-come-back-Airlines" - einen solchen Bildschirmschoner auf einem Computer der Hamburger Ausländerbehörde zu finden: Wer hätte damit gerechnet?Michael Richter hat den Alltag dieser Behörde mit der Kamera begleitet. Hier wird tagtäglich über das Schicksal von Menschen entschieden, die ein "Leben auf dem Schleudersitz" führen: Asylsuchende, die länger als ein Jahrzehnt in Deutschland gelebt haben, deren Kinder hier geboren sind. In vielen Fällen sind sie in der Bundesrepublik aber nur geduldet, mal für weitere zwei oder drei Monate, mal aber auch nur bis zum nächsten Wochenende. Dann wird wieder neu entschieden, ob sie nicht doch zurück müssen - in ihr Herkunftsland, das für viele keine Heimat mehr ist, aus dem sie vor vielen Jahren geflohen sind.

Falls sie nicht bleiben dürfen, klingelt möglicherweise mitten in der Nacht die Ausländerbehörde an ihrer Tür. Dann haben diese Menschen eine halbe Stunde Zeit, um hastig das Nötigste in Koffer zu packen und ein paar Freunde oder Verwandte zu benachrichtigen, dass sie umgehend ausreisen müssen. "Morgendliche Begleitung" heißt dies im Behördendeutsch. Der Bustransport zum Flughafen wartet schon. Die Ungewissheit zermürbt die Menschen und zerstört ihre Familien, doch die Bürokratie ist häufig gnadenlos. Michael Richter beobachtet das Handeln der Beamten, zeigt aber auch die oft dramatischen Schicksale der von der Abschiebung bedrohten Familien.

Begründung der Jury

3 Uhr nachts. Die Mitarbeiter der Hamburger Ausländerbehörde sind auf dem Weg zu Familie Kryezi. Sie soll heute in den Kosovo abgeschoben werden - nach 15 Jahren in Deutschland. 15 Jahre, in denen sie nur geduldet wurde. Wie diese Familie leben 20.000 Menschen in Hamburg "behördlich geduldet". Viele von ihnen sind Kriegsflüchtlinge, die kein Asyl erhielten, aber auch nicht abgeschoben werden - solange Gefahr für Leib und Leben im Herkunftsland besteht.

Doch die Lage kann sich ändern. Daher werden die Aufenthaltsgenehmigungen immer nur befristet erteilt: mal für ein paar Tage, mal für ein paar Monate. So können sich diese Flüchtlinge nie sicher fühlen. Diese Situation mache krank, berichtet eine allein erziehende Mutter von zwei Kindern dem Filmemacher. Der dauernde Druck führe bei ihr zu Herzbeschwerden. Andere Flüchtlinge bekommen vor laufender Kamera Asthma-Anfälle. "Ich kann Sie abschieben, jetzt sofort", droht ein Mitarbeiter der Ausländerbehörde. Er und seine Kollegen demonstrieren im Film ihr Verständnis der Macht ganz offen. Alles laufe nach dem Gesetz, sagt einer überzeugt. Ein anderer verweist auf seine eingeschränkte Zuständigkeit. Sein Sachgebiet sei die Ausweisung. Er könne also nicht wissen, ob die junge Frau nach ihrer Abschiebung wieder ein Einreisevisum bekomme - rechtzeitig, bevor der unheilbar krebskranke Vater stirbt.Die rigide Handhabung verlangt Opfer - unter den Flüchtlingen. Der Film begleitet eine Frau ins Krankenhaus zum Besuch des ältesten Sohnes. Er wurde zum Pflegefall, nachdem er in der Abschiebehaft einen Selbstmordversuch unternommen hatte.

Trotzdem werden seine Eltern und Geschwister zur "freiwilligen Ausreise" aufgefordert.Michael Richter konzentriert sich in seiner Reportage auf die unterste Hierarchiestufe der Exekutive. Diese Ebene spiegelt wider, was Gesetze und Ausführungsbestimmungen regeln. Dicht stehen sich Handelnde und Behandelte gegenüber. Die Kamera begleitet sie in dieser technisch sauberen Dokumentation, ohne zu inszenieren. Der Text erklärt Situationen, kommentiert aber nicht. Diese nüchterne Dramaturgie lässt dem Zuschauer alle Freiheit. Kein Urteil, kein Gefühl wird vorgegeben - umso mehr kochen im Zuschauer Emotionen hoch. Und es entstehen Fragen, viele Fragen. Wird im Rechtsstaat Deutschland wirklich so mit Menschen umgegangen? Gibt es für Flüchtlinge keinen grundrechtlichen Schutz von Ehe und Familie? Werden ihnen wirklich nur dreißig Minuten Zeit zum Packen ihrer Habseligkeiten und gerade mal 20 Kilogramm Gepäck pro Person zugestanden? Grenzt das nicht an Enteignung? Der Film regt an, sich weiter mit dem Thema Flüchtlinge zu beschäftigen. Insofern ist es gut, dass der NDR mit dieser eindrucksvollen Reportage dieses lange vernachlässigte Thema wieder aufgegriffen hat.

 
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