42. Grimme-Preis 2006

Abenteuer Glück (ARD/WDR)

 

Adolf-Grimme-Preis an

Annette Dittert (Buch/Regie) 

Stab

Redaktion: Britta Windhoff

Buch/Regie: Annette Dittert

Produktion: Filmquadrat

Sendelänge: 45 Min.

Erstausstrahlung: 28./29./30.12.2005, 21.45 h

Inhaltsangabe

Diko ist Nomade und gehört zum Volk der Tuareg. Er lebt seit acht Jahren in Mopti, einer Hafenstadt in Zentral-Mali. Die Dürre in der Wüste hat ihn in die lärmende, dreckige Stadt getrieben. Als Salzhändler hat er sein Geld verdient, aber jetzt zieht ihn die Sehnsucht wieder zurück in die Sahara. Mit einem Boot auf dem Niger Richtung Norden streift er die Metropole Timbuktu, wo seine ehemalige Frau mit dem gemeinsamen siebenjährigen Sohn lebt. Diko möchte den Jungen mit sich nehmen, damit er das Leben in der Wüste kennenlernt. Die Mutter ist nicht begeistert, dass Diko nach so langer Zeit wieder auftaucht. Auch seine neue Frau, die er über alles liebt, hätte Diko gerne bei sich. Doch auch sie zweifelt daran, dass ein Leben in der Wüste die richtige Entscheidung ist. Ob Diko sie überzeugen kann? Die Liebe ist doch die Grundlage des Lebens, sagt er, die Liebe ist das ganz große Glück.

Für ihre Reihe "Abenteuer Glück" hat Annette Dittert vier grundverschiedene Länder bereist, die eines gemeinsam haben: Sie liegen alle auf dem Wendekreis des Krebses. Die Reise beginnt auf Hawaii, führt weiter ins afrikanische Mali, eines der ärmsten Länder der Welt, ins Großstadtgewirr von Kalkutta auf dem indischen Subkontinent und endet in China, dem Land des Aufbruchs. Überall begegnet Annette Dittert Menschen, die von ihren Wünschen und Träumen erzählen. Sie alle sind auf der Suche nach ihrem persönlichen Glück und zeigen auf diese Weise, dass Glück für jeden ein anderes Gesicht hat. 

Begründung der Jury

Am Wendekreis des Krebses - vulgo: am nördlichen Breitengrad 23,5 - liegen die Orte, zu denen Annette Dittert und ihr Team gereist sind, um der Frage nachzugehen, was die Menschen an den unterschiedlichsten Flecken dieser Welt glücklich macht: in Hawaii, Mali, Kalkutta, Südchina. Das aufwendige, drei Kontinente übergreifende Projekt war angelegt als die klassische Reportagereihe der ARD über die Weihnachtsfeiertage und Neujahr.

Herausgekommen ist dabei viel mehr als das gewohnte romantische Reisefernsehen mit malerischen Bildern und sozialkritischen Kurzinterviews. In diesem Vierteiler stehen nicht die Landschaften im Vordergrund, sondern die Menschen, die dort wohnen und leben. So ist die Autorin mit ganz ungewohnten Geschichten zurückgekehrt, und bei deren Sujets geht es nicht zwingend um Informationen, wie wir sie aus der "Tagesschau" erwarten. Annette Dittert ist vielmehr sehr nah dran am Alltag der Menschen aus den Ländern, die sie besucht hat. Sie beweist dabei eine außerordentliche Beobachtungsgabe. Auf allen Etappen ihrer Expedition merkt der Zuschauer, dass die Filmemacherin wirklich an den Orten angekommen ist, über die sie berichtet, und dass sie es schafft, sich ebenso differenziert wie sensibel in fremde Leben einzufühlen, ohne sie ihrer Fremdheit zu berauben, ohne sie bis ins Kleinste auszukundschaften.

Aus der Prosa der Verhältnisse entwickelt sich so eine Poesie des Herzens, eine Anteilnahme am Leben der Menschen, wie sie in vergleichbaren Filmen vielfach nur vorgegaukelt wird, wenn sie der vordergründigen Faszination des Folkloristischen erliegen. Ditterts Gestus, Menschen zu porträtieren, erweist sich nicht zuletzt auch deshalb als so inspiriert, weil sie sich selbst vollkommen zurücknimmt und nur gelegentlich im Bild erscheint. Auf der anderen Seite hat die Autorin höchste Akribie und Energie in die visuelle Präsentation ihrer Geschichten gesteckt und eine erkennbar individuelle Handschrift entwickelt. Durch eine am filmischen Erzählen orientierte Darstellung und Montage erreicht "Abenteuer Glück" eine neue, eine cineastische Dimension. Die Arbeit an Bild und Schnitt, die Auswahl und Komposition der Szenen und nicht zuletzt auch die mit viel Gespür für den richtigen Moment und die richtige Stimme gesetzten Stimm-Überblendungen zeugen von jener engagierten Arbeit, der man nicht mehr anmerkt, wie schwer sie gewesen sein muss; weil das, was ihr entspringt, mit so wunderbarer Leichtigkeit auf dem Schirm präsent ist. Das Stilprinzip, die realen Geschichten mit den  erzählerischen Mitteln eines Spielfilms zu vermitteln, macht die ganz besondere Qualität dieser Reihe aus und ist eine bereichernde Weiterentwicklung für das Genre - und erst recht für die vielfach so ängstliche Mainstream-Programmpolitik der ARD im Dokumentarbereich.

 
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