41. Grimme-Preis 2005

Zeit der Wünsche (ARD/WDR/BR)

 

Publikumspreis der Marler Gruppe an

Lale Yavas (Darstellung)

Erhan Emre (Darstellung)

Tevfik Baser (Buch)

Rolf Schübel (Regie)

Stab

Redaktion: Wolf-Dietrich Brücker (WDR), Bettina Ricklefs (BR)

Produktion: FilmFabrik Spiel- und Dokumentarfilm GmbH, Kadir Sözen

Buch: Tevfik Baser (Preisträger)

Regie: Rolf Schübel (Preisträger)

Kamera: Holly Fink

Schnitt: Ulrike Leipold

Darsteller: Lale Yavas (Preisträgerin), Erhan Emre (Preisträger), Tim Seyfi, Hilmi Sözer u.a.

Sendelänge: je 90 Min.

Erstausstrahlung: 12. u. 14.1.2005, jew. 20.15 h

Inhaltsangabe

Mustafa ist der Mann, den Melike eines Tages heiraten wird. Das weiß sie seit ihrer Kindheit. Doch in den 60er Jahren zieht es viele türkische Arbeiter nach Deutschland. Auch Mustafa will dort Glück und Wohlstand finden. Melike bleibt in ihrem anatolischen Dorf zurück. Ihre Wünsche nach einer gemeinsamen Zukunft heftet sie an einen Wunschbaum, doch Mustafas Lebenszeichen aus der Fremde werden ihr vorenthalten.
Sie heiratet Yasar, der als einer der wenigen Männer nicht ausgewandert ist. Als Mustafa nach Jahren zurückkehrt, um Melike zu sich zu holen, ist es für ihre Liebe zu spät. Melike zündet den Wunschbaum an, während Mustafa verbittert nach Deutschland zurückkehrt.

Jahre später sucht man in Deutschland vor allem Gastarbeiterinnen. Melikes Dorf gleicht mittlerweile einer Geisterstadt. Der Laden ihres Mannes wirft kaum noch Gewinn ab. Melike, die sich in ihrer Ehe immer unglücklicher fühlt, geht nach Köln, um Geld für ihre Familie zu verdienen.

Die Arbeit in dem fremden Land bringt Melike erstmals ein Gefühl der Freiheit und Unabhängigkeit. Sie baut sich ein eigenes Leben auf und begegnet ihrer großen Liebe Mustafa wieder, doch Yasar und ihre Kinder kommen ebenfalls nach Deutschland.

Als Melike herausfindet, dass Yasar über Jahre Mustafas Briefe unterschlagen hat, um sie heiraten zu können, reicht sie die Scheidung ein. Der verzweifelte Yasar wird ausgewiesen und kehrt in sein Heimatdorf zurück. Er will noch einmal nach Deutschland zurückkehren, um seine Kinder zu sich holen und seine Ehre zu retten.

Begründung der Jury

"Zeit der Wünsche" ist ein Film über das Schicksal und die Träume türkischer Migranten in Deutschland. Dabei widmet sich der Film zunächst dem Leben und den Traditionen in einem Dorf in Anatolien und zeigt auf, wie dieses Leben bis in die Gegenwart für die Migranten bestimmend ist.

In bildhafter Sprache und einfühlsamen Worten erzählt die Hauptfigur Melike ihr Leben von ihrer Kindheit in Ostanatolien bis hin zu ihrer Ermordung durch ihren Ehemann Yasar. Aus der Sicht der jungen Melike zeigt der Film Konflikte, die entstehen, wenn sich völlig unterschiedliche Welten plötzlich gegenüber stehen und daraus Gefühle wie Verlorenheit, Sehnsucht, Angst und Unsicherheit resultieren.

Der Film konzentriert sich auf die tragische Liebesgeschichte Melikes und veranschaulicht daran exemplarisch den Konflikt einer jungen Frau mit den türkischen Traditionen. Aber auch andere Migrantenprobleme wie Heimatlosigkeit, die Rolle von Mann und Frau, die Bedeutung der Religion werden in den Geschichten der Nebenfiguren beschrieben.

Indem zu Beginn der Handlung bereits der Schluss des Films aufgegriffen wird, ohne ihn jedoch vorwegzunehmen, wird das Interesse des Zuschauers für das Leben der Frau geweckt, so dass ein unverkrampfter Zugang zur Migrantenproblematik möglich ist. Melike will sich in Deutschland ein Stück Freiheit erobern und wird dafür von ihrem Mann auf offener Straße hingerichtet.

"Zeit der Wünsche" ist ein Film der von Träumen und Hoffnungen, Liebe und Sehnsucht, Enttäuschung und Verzweiflung erzählt. Der Zuschauer kann dabei den Weg der Protagonisten Melike und Mustafa in die neue Welt mit all den Verwicklungen bis hin zur Katastrophe mitgehen, miterleiden und mitverstehen.
Der Regisseur Rolf Schübel und der Autor Tevfik Baser vermitteln dem Zuschauer gefühlvoll ein Stück deutsch-türkischer Geschichte, wie sie bisher noch nicht erzählt worden ist. Durch eindrucksvolle, an Originalschauplätzen gedrehte Bilder wird der Betrachter in die Welt der damaligen Gastarbeiter hineinversetzt.

Der Film ist nicht nur Liebesgeschichte, sondern zeigt zum ersten Mal mit besonderem Sinn fürs Detail die Lebensumstände türkischer Gastarbeiter in Deutschland. Daher eignet sich dieser Fernsehfilm ideal dazu, jungen Menschen die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen ihre Eltern gelebt haben, zu vermitteln.
Von der ersten bis zur letzten Minute besticht der Film dabei durch die schauspielerischen Leistungen der grandiosen Darsteller. Aus dem Ensemble der überzeugenden Schauspieler ragen die sympathische Lale Yavas (Melike) und Erhan Emre (Mustafa) als Liebespaar heraus.

"Zeit der Wünsche" ist sensibel erzählt und einfühlsam in jedem Moment.

 
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