41. Grimme-Preis 2005

Wolfsburg (ZDF / ARTE)

 

Adolf-Grimme-Preis mit Gold

Nina Hoss (Darstellung)

Benno Fürmann (Darstellung)

Christian Petzold (Buch/Regie)

Stab

Redaktion: Caroline von Senden (ZDF)

Produktion: teamWorx Television & Film GmbH, Bettina Reitz

Buch / Regie: Christian Petzold (Preisträger)

Kamera: Hans Fromm

Schnitt: Bettina Böhler

Darsteller: Nina Hoss (Preisträgerin), Benno Fürmann (Preisträger), Antje Westermann, Matthias Matschke, Astrid Meyerfeld u.a.

Sendelänge: 90 Min.

Erstausstrahlung: 25.6.2004, 20.45 Uhr auf ARTE

Inhaltsangabe

Dittsche hat von allem Ahnung! Glaubt er. Sein gesundes Halbwissen bezieht der sympathische Loser aus dem Fernsehen oder aus der Bild-Zeitung und bastelt sich aus dem, was er so aufschnappt, seinen eigenen absurden Blick auf das Zeitgeschehen zurecht. Und das gibt er im Stammimbiss auf seinem Hamburger Kiez gerne zum Besten. Zum Beispiel dass Leute die am Arbeitsplatz essen, auf ihrem Schreibtisch mehr Bakterien züchten als andere auf der Toilette… Und dass Karl Moik mit seinem Black-Out im "Musikantenstadl" nur das erste prominente Opfer dieses Bakterienbefalls war.

Aber auch Jan Ullrich erwischten sie: Die Bakterien hatten da allerdings die dünnen Fahrradreifen mit der menschlichen Haut verwechselt und die ganze Luft verbraucht. Sagt Dittsche. Und was Dittsche behauptet, behauptet er mit Nachdruck und gerät dabei auf skurrile Art ins Philosophieren. Widerspruch zwecklos. Auch wenn Ingo, der Imbisswirt, immer wieder der Verzweifelung nahe, versucht, seinem nervtötenden Dauergast Paroli zu bieten, wenn der ihm in Schlappen und Bademantel am Tresen die Welt erklären will. Stammgast "Schildkröte" sitzt derweil auf seinem Barhocker, trinkt Bier und schweigt.

Die tragikomische Figur "Dittsche" hat Olli Dittrich bereits vor 14 Jahren entwickelt. Inzwischen ist "Dittsche" Mittelpunkt eines außergewöhnlichen Wochenrückblicks: Ohne Drehbuch improvisiert und inspiriert von den Themen der Woche.

Begründung der Jury

Das Fernsehen ist der große Zeitvernichter. Vier Stunden verbringt der Deutsche angeblich täglich mit ihm. Dann hat Dittsche ja noch Potential. Dittsche hat erst angefangen. Eine halbe Stunde wöchentlich - das ist ja noch wenig. Ein Gedanke, auf den Dittsche kommen könnte. Er hat zuviel Zeit. Die er gnadenlos totschlägt. Er betreibt den geringstmöglichen Aufwand. Und fordert dennoch uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Als Medium ungefilterter Information. Alles, was vor sich geht in der Welt, kann Dittsche erklären.

Dabei hat er sein gesamtes Wissen aus zweiter Hand. Ist aber immer hochaktuell. Die Lehre von Rilkes archaischem Torso Apollos kehrt seine Botschaft um: Von mir aus musst du dein Leben nicht ändern. Er ändert ja auch nichts, ist absolut modern, nicht ergänzungsfähig und vollständig mit Bademantel, Badeschlappen, Tennissocken und Plastiktüte. Man sage aber nicht, dass er dem Publikum nicht entgegenkäme. Mit unschöner Regelmäßigkeit - kannste die Uhr nach stellen, könnte Dittsche sagen, ist wie mit der Tagesschau - sucht er eine Imbissstube heim, deren Betreiber Ingo er die schöpferische Muße verdirbt.

So wird aus diesem Koch nie ein Star, er bleibt ein Mensch wie du und ich und "Schildkröte", der Krokolederimitatjackenträger, der immer mit seinem Bier an seinem Tischchen steht, wie ja auch beim Fernsehen immer ein Zuschauer da ist, wenn ein Gerät angeknipst wird, und nichts zu sagen hat. Ihm raubt Dittsche die Ruhe. Aber nicht den Panzer. Ungeschützt tritt nur Dittsche auf. Seine Quote kann sich sehen lassen. Annähernd hundert Prozent.

Ingo führt nie den dittschefreien Sonntag in seinem Lokal ein, und auch "Schildkröte" schaltet nicht ab. Dittsches Geheimnis? Das Pathos der reinen Theorie. Vom Schicksal dazu verdammt, als Beobachter sein Dasein zu fristen, macht er sich seinen Reim auf die Welt, ohne je in der Praxis die Probe darauf machen zu können, ob er wirklich das Reimwort gefunden hat. Je mehr Worte er produziert, desto offenkundiger wird, dass seine Anstrengungen den Sinnzerfall vorantreiben. Unerschüttert hält er an der Prämisse fest, dass alles mit allem zusammenhängt. Wenn er wirklich nicht mehr weiter weiß, gibt er an uns ab. "Das frag ich dich!" Im Quiz kommt er immer wieder zu sich. Denn Dittsche ist das personifizierte, zur genialen Maske seiner selbst gewordene Fernsehen. Die Glotze mit menschlichem Antlitz.

 
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