41. Grimme-Preis 2005

Beate Langmaack, Henry Hübchen und Uwe Steimle

 

Gestaltung und Weiterentwicklung des "Polizeiruf 110" (ARD/NDR)

Preisträger: Beate Langmaack sowie die Hauptdarsteller Henry Hübchen und Uwe Steimle

Preis: Adolf-Grimme-Preis

Sendeanstalt(en): ARD/NDR

Begründung der Jury

Uwe Steimle und Henry Hübchen sind Schauspieler, die es sich erlauben, uns ihr Denken und ihre Phantasie zur Verfügung zu stellen. Sie machen sich auf die Suche nach dem Leben, das in den Sätzen eines Drehbuchs stecken mag - und in den Drehbüchern, die ihnen Beate Langmaack zur Verfügung stellt, steckt einiges Leben. Steimle und Hübchen schenken uns zwei Kommissare, die komischer und trauriger kaum sein könnten, und dabei gehen sie unendlich zart zu Werke. Steimle hat eine lange Geschichte im "Polizeiruf 110". Er war, an der Seite von Kurt Böwe, die Büroklammer, das Fleisch gewordene Aktenzeichen, der Pedant, der karrieristische Spießer. Und heute, Reste davon existieren allemal, aber ist er eben doch auch ein poetischer Kleinbürger, ein weiser Komödiant, ein Feuerkopf sogar, wo das Verbrecherische in all seinen Variationen am Bestand des zivilen Lebens nagt. Auch Hübchen hat einen langen Weg der Häutungen und Wandlungen absolviert. Einst, im Polizeiruf der DDR, war er der jugendliche Desperado, die randständige Figur, ein kleiner Gauner, stets auf dem Weg nach unten, ein sozialistischer und deshalb kriminalisierter James Dean. Heute schlägt ihm ein wundes Herz in der Brust, das nicht ankommen will im Hier und Jetzt, das sich sehnt nach einem Ort, den man Heimat nennen könnte, wenn dieser Begriff für einen integrierten Desperado wie ihn noch in Frage käme. In den Armen der Frauen findet dieser Entwurzelte zarten, aber fragilen Halt, haltbar nur von Folge zu Folge.

Zusammen vermessen diese Kommissare in tiefster nordostdeutscher Provinz Seelenregionen, die nicht nur Mecklenburg und erst recht nicht allein Vorpommern gehören. Wie sie sich störrisch behaken, streiten, wie sie langsam, ganz langsam ineinander wachsen und sich doch immer wieder voneinander entfernen, ist hohe Kunst.

Und nicht erst an dieser Stelle kommt die Drehbuchautorin Beate Langmaack ins Spiel, denn das Spiel ihrer Helden ist auch ihr Spiel, ihr gelungenes Suchen und Finden. Die Lakonie, die sie sich gestattet, schenkt ihren Figuren Raum, sich zu entfalten, die Geschichten, die sie ihnen vorschreibt, haben nichts Vorgeschriebenes, sondern sind offen für die Einschreibungen und Einschreitungen von Steimle und Hübchen. Die Autorin gibt den Figuren und uns einen Sehnsuchtsort, der irgendwo zwischen Sonntag und Sofa, Gefühl und Gefahr, Alltag und Abseits, Provinz und weiter Welt, Phantasie und Präzision zu finden ist. Diese fabelhaften Drei aber machen augenscheinlich, dass der "Polizeiruf 110" des NDR, so wie er jetzt ist, als Gesamtkunstwerk betrachtet werden darf, wo die Kamera durch ihre Kunst ebenso besticht wie die Regie, der Schnitt und - auch das fällt immer wieder auf - die vorzügliche Ausstattung. So steht dieser Grimme-Preis an Steimle, Hübchen und Langmaack auch für den Ensemblegedanken, für eine eingespielte, gemeinsam erarbeitete Identität und Unverwechselbarkeit, die im deutschen Kriminalfilm ihresgleichen sucht. Und weil das Ganze oftmals so schön, aber auch so traurig ist, so heiter und im selben Moment so elegisch, wollen wir aufhören wie es einer Elegie gebührt mit einem Staunen und einem - "Ach!"

 
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