40. Grimme-Preis 2004

Zuckerbrot (ARD/BR/SWR)

 

Adolf-Grimme-Preis an:
Hartmut Schoen (Buch/Regie)
Ivan Shvedoff (Hauptdarsteller)
Gabriela Sperl (Redaktion)

Redaktion: Gabriela Sperl (BR)
Produktion: teamWorx GmbH, Nico Hofmann
Buch/Regie: Hartmut Schoen
Kamera: Gero Steffen
Hauptdarsteller: Ivan Shvedoff
Darsteller: Marie Zielcke, Florian Lukas, Axel Prahl, Ivan Shvedoff, Henry Hübchen, Maike Bollow u.a.
Sendelänge: 89 Min.
Erstausstrahlung: Donnerstag, 18.09.2003, 23.00 h (ARD)

Inhalt

Mit der Entlassung aus dem Jugendstrafvollzug ändert sich für die kleinkriminelle Jenny ihr ganzes Leben: Sie ist getrennt von ihrer Freundin Mia und lebt gemeinsam mit ihrem Vater und ihrem, ebenfalls ins kriminelle Milieu verstrickten, Bruder Ricki in einer kleinen Etagenwohnung.
Der Vater versteht sie nicht, ist hilflos, gefühlskalt, autoritär. Aber er will, dass Jenny eine Ausbildung abschließt. Er verschafft ihr einen Job als U-Bahn-Fahrerin.
Jenny fehlt Wärme und Geborgenheit, die ihr Mia im Gefängnis geben konnte und so gelingt es Ricki schließlich, sie in seine Dealereien zu verwickeln.
Es ist Rickis Idee auch den naiven, schüchternen Deutschrussen Mitja als unwissenden Mittelsmann für seine Zwecke zu nutzen.
Nur deswegen nähert sich Jenny Mitja an. Zwischen den beiden aber entwickelt sich eine zarte Liebesgeschichte.
Jenny ist entschlossen, aus Rickis kriminellen Geschäften auszusteigen. Bei einem letzten Deal überlisten Jenny und Mitja Ricki und fliehen mit dem erbeuteten Geld in Mitjas russische Heimat, um dort gemeinsam einen Neuanfang zu wagen.

Begründung der Jury

Als erstes ist da dieser Blick. Wenn der russische Schauspieler Ivan Shvedoff als Deutschrusse Mitja mit seinen erstaunten Augen in die unwirtliche Welt schaut, dann spiegelt sich darin die Reinheit eines Charakters, den man naiv nennen kann, dessen Unverdorbenheit man jedoch bewundern muss. Der Regisseur und Drehbuchautor Hartmut Schoen hat diesen Mitja in seinem Film "Zuckerbrot" als Ausprägung des reinen Toren im feindlichen Berlin ausgesetzt, dessen kleinkriminelle Szene sehr schnell und sehr gierig ihre Finger nach ihm ausstreckt.
Doch Schoen will alles andere, als einen Ahnungslosen in ein Gangsterdrama stolpern lassen. Ihm geht es im Gegenteil um das märchenhafte Element in dieser Handlungskonstruktion. Ivan Shvedoff lässt von diesem Mitja einen Zauber ausgehen, der keinem Übel eine Chance lässt, der schließlich auch jenes Mädchen wohlig berührt, das ihn eigentlich ausbeuten und verderben soll. Und während um ihn herum andere ihr Dasein im Trunk vergessen wollen oder auf Bahnhofstoiletten ihrem Traum vom schnellen Reichtum nachjagen, lernt Mitja mit Hilfe der Buchstabennudeln in seiner Suppe neue Wörter der deutschen Sprache.
Schon lange hat man in einem Fernsehfilm nicht mehr derart poetische Bilder gesehen, wie sie Schoen in "Zuckerbrot" beinahe spielerisch gelingen. Aus einem abrissreifen Wohnblock, eigentlich Zeichen des überall sichtbaren Verfalls, lässt er eine Art Märchenschloss entstehen, irgendwie ohne ein festes Oben und Unten, in dessen verwinkelte Gänge sich Mitja und seine struppige Prinzessin wie auf eine Trauminsel zurückziehen. Sogar einen Pool gibt es inmitten all des Unrats, in den Mitja hinabtaucht, vorbei an Hörern und Schnüren einer alten Telefonzentrale, die sich wie Algen empor ranken. Wenn alles nutzlos geworden ist auf dieser Welt, scheint Schoen uns mit dieser phantastischen Sequenz sagen zu wollen, bleibt nur noch die Liebe als Hoffnung. Neben dem Autor und Regisseur Hartmut Schoen und dem Hauptdarsteller Ivan Shvedoff zeichnet die Jury in diesem Fall auch ausdrücklich die Leistung der Redakteurin Gabriela Sperl aus. Bei nicht weniger als drei in diesem Jahr prämierten Filmen ist sie die Frau im Hintergrund, die vieles möglich gemacht hat, was so nicht mehr selbstverständlich ist im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Wir nennen sie explizit bei "Zuckerbrot", weil dieser Film am stärksten von dem Wagemut kündet, auch ungewöhnliche Stoffe für die Primetime zu entwickeln.

 

 
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