40. Grimme-Preis 2004

Schleyer. Eine deutsche Geschichte

 

Adolf-Grimme-Preis mit Gold an: Lutz Hachmeister (Buch/Regie)

Redaktion: Silvia Gutmann (NDR), Enno Hungerland (WDR)
Produktion: doc.station, Hartmut Klenke und HMR Produktion, Lutz HachmeisterBuch/Regie: Lutz Hachmeister
Kamera: Thomas Schäfer, Hajo Schomerus
Sprecher: Frank Arnold, Walter Renneisen
Sendelänge: 89 Min.
Erstausstrahlung: Mittwoch, 20.08.2003, 23.00 h (ARD)

Inhalt

Drei Namen prägen den "Deutschen Herbst" 1977: Jürgen Ponto, Chef der Dresdner Bank, Siegfried Buback, Generalbundesanwalt, und Hanns-Martin Schleyer, Präsident des Bundesvereines der Deutschen Arbeitsgeberverbände (BDA) und des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). Schleyers Entführung und Ermordung durch die "Rote Armee Fraktion", u.a. die Bilder aus seiner Gefangenschaft fraßen sich ein ins kollektive Gedächtnis der Deutschen - über seine Biografie aber herrschte fortan Schweigen.
Lutz Hachmeisters Film erzählt nun das Leben dieses ungewöhnlichen Menschen, der als junger NS-Funktionär und Burschenschaftler dem deutschen Untergang diente, um dann in den 50'er Jahren mit großem Eifer den Wiederaufbau zu betreiben.
Das Bild von Schleyer, welches lange Zeit unberührt und unreflektiert blieb, wird durch Hachmeisters Werk entscheidend ergänzt: Es zeigt die Heidelberger Studentenzeit Schleyers, seine Tätigkeit im Nazi-besetzten Prag, porträtiert ihn als kompromisslosen Kapitalisten ebenso wie als geselligen Privatmann und kumpelhaften Vater.Dabei kommen Familienangehörige, Kritiker, Wegbegleiter und auch die Täter jener Zeit zu Wort, so dass auch die Beweggründe seiner Mörder dargestellt werden. Es entsteht mit dem umfassenden und vielseitigen Portrait Schleyers auch ein Bild der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Begründung der Jury

Der Name Hanns-Martin Schleyer wird unwillkürlich mit dem Deutschen Herbst des Jahres 1977 assoziiert: Am 5. September wurde Schleyer als Galionsfigur des deutschen Kapitalismus von Terroristen der RAF entführt und sechs Wochen später ermordet. Der gewaltsame Tod hat seither den Blick auf eine Biografie versperrt, die durchaus typisch war für viele Altersgenossen Schleyers, die schon im "Dritten Reich" Karriere gemacht hatten und diese in der Bundesrepublik praktisch nahtlos fortsetzen konnten. Schleyer gehörte zu einer Gruppe von Studentenführern, die in den Dreißigerjahren eine wesentliche Rolle bei der Gleichschaltung der deutschen Universitäten gespielt haben. Lutz Hachmeister ist es gelungen, Schleyer mit seinem umfassenden, dicht montierten Porträt die Biografie gewissermaßen zurückzugeben - das wird nicht jedem gefallen. Da zudem nicht nur Weggefährten und Hinterbliebene, sondern auch die Täter zu Worte kommen, sah sich Hachmeister dem Vorwurf ausgesetzt, der Film werde Schleyer nicht gerecht und betreibe gar so etwas wie eine Rechtfertigung der Ermordung. Das Gegenteil ist der Fall. Hanns-Martin Schleyer wird noch heute in der historischen Rückschau ausschließlich als Opfer definiert, was seiner Mentalität nicht im Mindesten entspricht. Hachmeister charakterisiert ihn vielmehr als geselligen und trinkfesten Zeitgenossen, der zum Entsetzen seiner Leibwächter nach Feierabend gern noch in die Bahnhofskneipe ging.
"Schleyer" ist ein Film von singulärer Qualität und nicht nur beispielhaft für eine schnörkellose, gradlinige Montage, sondern auch das Ergebnis einer erstklassigen Rechercheleistung. Gerade die Nachkriegsgeschichte wird ja oft erinnerungsselig dargeboten. Davon ist hier nichts zu spüren, weil prototypische Vertreter jener Jahre zu Wort kommen. Außerdem konterkariert Hachmeister die Seriosität seiner Erzählweise immer wieder mutwillig und verspielt, indem er sich auch Ausschnitten aus Spielfilmen bedient, um Zeitläufe darzustellen oder Schlaglichter zu setzen. Die große Stärke des Films liegt zudem darin, auf Deutungen zu verzichten und sich allein an die Faktenlage zu halten. Selbst der ehrgeizige Titelzusatz "Eine deutsche Geschichte" ist vollauf gerechtfertigt, beleuchtet der Film doch ein Kapitel, das Historiker gern unterschlagen. Bis heute gibt es keine wissenschaftliche Untersuchung über die NS-Studentenführer; es war eben einfacher, sich mit Hitler, Himmler und Göring zu beschäftigen. Auch in dieser Hinsicht hat Hachmeister eine Lücke geschlossen.

 
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