40. Grimme-Preis 2004

Familienkreise (ARD/BR)

 

Adolf-Grimme-Preis mit Gold an:
Stefan Krohmer (Regie)
Daniel Nocke (Buch)

Redaktion: Gabriela Sperl
Produktion: teamWorx, Nico Hofmann, Sascha Schwingel
Buch: Daniel Nock
Regie: Stefan Krohmer
Kamera: Gunnar Fuß
Darsteller: Hans-Jochen Wagner, Jutta Lampe, Katja Gaub, Götz George, Tobias Oertel, Sophie von Kessel, Erwin Steinhammer
Sendelänge: 85 Min.
Erstausstrahlung: Mittwoch, 20.08.2003, 20.15 h (ARD)

Inhalt

Jahrelang stand für den erfolgreichen Auslandskorrespondenten Raimund Parz die Karriere an erster Stelle. Er bereiste ferne Länder und in der Bundeshauptstadt Bonn war er eine große Nummer.
Als er zu seiner Familie zurückkehrt, kommt er mit dem Leben, das seine Frau und die Söhne Mirko und Christopher inzwischen führen, nicht zurecht. Allenfalls der jüngere Sohn Christopher, Gründer eines Verlages und verheiratet mit der karriereorientierten Anja, genießt den Respekt des kraftvollen Vaters. Seinem beruflich erfolglosen Sohn Mirko hingegen, der bei der Mutter ausgeharrt hatte, streicht der Über-Vater sofort die finanzielle Unterstützung. Das ehrenamtliche Engagement seiner Frau Annemarie bleibt ihm fremd.
Nach einem Streit versucht Christopher, zwischen dem Vater und seinem Bruder Mirko zu vermitteln. Doch auch er ist der Dominanz des Vaters nicht gewachsen. Selbst seine Ehe beginnt zu kriseln und Christopher lässt sich auf eine Affäre mit Mirkos Frau, der Kindergärtnerin Katrin, ein. Mirko erwischt beide in flagranti, stürzt hektisch auf die Straße und verunglückt schwer.
Der Vater, der so gefühlskalt mit Mirko umgegangen war, gibt sich die Schuld an dem Unfall und scheint sich erstmals seinem Sohn emotional zuzuwenden. Die Familie aber zerbröselt unter der Macht des in die Provinz zurückgekehrten Vaters.

Begründung der Jury

Als der Auslandskorrespondent Raimund Parz seine Karriere beendet und nach Deutschland zu seiner Familie zurückkehrt, ist nichts mehr wie es vorher zu sein schien. Schnell findet sich der autoritäre Patriarch, der gewohnt ist alle Dinge zu bestimmen, nicht mehr zurecht. Sein älterer Sohn Mirko lebt noch immer zu Hause auf Kosten der Mutter, ein Zustand, der ihr verhältnismäßig wenig auszumachen scheint.
Für Raimund hingegen ein Anlass, den Sohn hart unter Druck zu setzen und ihm alle finanziellen Zuwendungen zu streichen. Der jüngere Sohn Christopher, für ein paar Tage aus Hamburg zu Besuch, versucht zwischen den Parteien zu vermitteln. Doch seine Versuche den Streit zu schlichten enden in der Katastrophe. Am Ende haben sich alle in einer Welt aus Lügen und Halbwahrheiten neu eingerichtet. Nur Christopher, der vermeintliche Diplomat, hat sich völlig ins Abseits manövriert und alles verloren, was er zu lieben geglaubt hatte.
Daniel Nocke (Buch) und Stefan Krohmer (Regie) erzählen eine Parabel über den inneren Zerfall der gehobenen Mittelschicht in der Bundesrepublik. Eine Buddenbrook-Fabel in der Gegenwart, die nicht zufällig in Bonn spielt, der vergessenen und von Lethargie erfüllten ehemaligen Hauptstadt, in der der Geist der alten Bundesrepublik in den selbstverbauten Eigenheimen des Mittelstandes weiter fortlebt.
Virtuos und feinfühlig entlarvt "Familienkreise" die kleinparadiesische Gestaltung des Bürgertums, symbolisiert in der überlebten Betonmoderne des Einfamilienhauses, das Mittelpunkt des ganzen Films ist. Seine Bewohner können das mit dem Heim versprochene Glück nicht mehr finden, nicht einmal ihre schönen Erinnerungen an die Vergangenheit der 70er und 80er Jahre. Die Tüchtigen sind längst aus Bonn fortgezogen, nur die Gescheiterten sind geblieben. Was übrig bleibt, ist ein ausgehöhltes und leeres Familienideal, dessen Abgesang der Film in herausragender Weise poetisch in Szene setzt.
In einem Kammerspiel mit reduzierter Außenwelt zeichnet der Film die sozialen Kreise der Figuren nach, sparsam, aber in großartig verdichteter Atmosphäre. Das glänzend minimalistische, sprachlich überaus präzise Drehbuch, die subtile und feinfühlige Regie und die hervorragenden Darsteller machen "Familienkreise" zu einem beeindruckenden Höhepunkt des letzten Fernsehjahres.

 
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