40. Grimme-Preis 2004

Die WIB-Schaukel: Wigald Boning trifft Jürgen Drews in seiner Villa auf Mallorca (ZDF)

 

Adolf-Grimme-Preis an:
Wiegald Boning

Redaktion: Gabriele Temp
Produktion: Entertainment Factory, Oliver Mielke
Regie: Jan Markus Linhof
Moderation: Wigald Boning
Kamera: Eddi Schneidermeier, Janush Reichenbach
Gast: Jürgen Drews
Sendelänge: 30 Min.
Erstausstrahlung: 28.06./29.06.2003, 01.05-02.35 h

Inhalt

Der sanfte Blick durch die viel zu große Brille täuscht! Wigald Boning kombiniert in seiner "WIB-Schaukel" ernsthafte Gespräche mit subtilem Humor - und er schafft es immer wieder, seine Gesprächspartner zu verblüffen. So entlockt er ihnen Antworten, zu denen anderen nicht einmal eine Frage einfiele.
Aus gutem Grund nennt Boning seine VIP-Fragestunde "Die WIB-Schaukel". Das Wortspiel ist Programm. Es geht ihm immer darum, Einblicke in das Leben von berühmten oder auch nur halb-berühmten Persönlichkeiten zu gewähren. In der ausgezeichneten Sendung hat er Jürgen Drews besucht, den "König von Mallorca". Auf in das Urlauberparadies - mit Skates und kurzen Hosen! Er fragt freundlich, fragt argwöhnisch; nimmt seinen Gegenüber beim Wort, legt dieses auf die Waagschale.
"Und jetzt einfach mal gar nichts sagen" forderte Boning mitten im Interview auf - mit Erfolg. Boning kommentiert: "Schon schwer, aber er kann es!" Während eines Ausfluges wird das komplette Team samt beider Protagonisten von der örtlichen Polizei gestoppt. Für drei Stunden müssen sie mit aufs Revier. Das schweißt zusammen. Boning und Drews geben nach der Rückkehr in die Freiheit ein Interview für das deutsche Boulevardfernsehen. Zum Abschluss gönnen sie sich dann ein zünftiges Abendessen und ein Schlückchen Wein in Drews´ Lieblingsrestaurant und sind voller Lob füreinander.

Begründung der Jury

Wigald Boning kommt als leuchtender, erleuchteter Narr daher, als Narr, der sich seine Könige sucht und sie auf die WIB-Schaukel bittet. Er ist ein sanft-sadistischer Retromaschinist, der Margarete Dünsers VIP-Schaukel radikalisiert. Denn er selbst ist die Frage, seine scheinbar einfältige Miene, die den Gesprächspartner verführt, ihn zwischen Tiefsinn und Irrsinn zu verorten.
Doch Boning lässt sich leiten von seiner norddeutschgebürtigen Ironie, seinem Instinkt und einer wachen Intelligenz, die sich aufs Behaglichste hinter der Maske des zufällig ins Fernsehgeschäft entlaufenen Dorfdeppen eingerichtet hat.
Auf den ersten Blick könnte man sein Gespräch mit Jürgen Drews als gelungene Demaskierung verbuchen. Aber mal ehrlich: Muss man Drews demaskieren, wo der das jede Sekunde selbst tut? Boning macht eher einen Mechanismus kenntlich, ein Verhaltensmuster, das nicht diesem Gast allein gehört. Er führt vor, wie opportunistisch sich viele Fernsehschaffende dem Medium Fernsehen ergeben.
Geradezu verzweifelt versucht sich Drews den vermuteten Inszenierungswünschen seines Gastgebers anzupassen. Geradezu verzweifelt versucht er, diesem seinen authentischen Kern unter die Nase zu reiben, sein wahres Ich zu verkaufen. Geradezu verzweifelt macht er gute Miene zum bösen Spiel und verdreht noch die unverschämteste Provokation in ein ihm zugedachtes Kompliment. Boning treibt Drews in eine Aporie, die dem Zuschauer selbst zur Nachdenklichkeit einlädt.
Der Schlagerstar mit bürgerlichem Hintergrund kann sich nicht entscheiden: Mal will er Rolle und Person zur Deckung bringen, mal soll das eine mit dem anderen nichts zu tun haben. Dann will er sein Image gegen das Authentische seiner Person ausspielen, will es versöhnen, will es strikt voneinander geschieden wissen.
Auf dem Höhepunkt seiner Verwirrung, Boning hat ihn gerade mit einer improvisierten Eloge hoch- und niedergejubelt, zärtlich berührt und beleidigend begrapscht, stimmt Drews das alte Studentenlied "Gaudeamus igitur" an, beflissen in dem Irrtum, mit Boning spaßtechnisch gleichziehen zu müssen, dessen medial durcheinandergeschüttelten, hybridischen Witz akademisch zu bannen und seiner Vieldeutigkeit zu berauben.
Doch Boning dieser gescheite Retromaschinist, dieses clevere Kind, dieser listige Flaneur durch die Fernsehhistorie, hat sich schon längst wieder davongemacht, ein Narr auf der Suche nach dem nächsten König. Gaudeamus igitur! So lasst uns also fröhlich sein!

 
Zurück