40. Grimme-Preis 2004

Der Unzugehörige: Peter Weiss - Leben in Gegensätzen (RBB/SWR/DRS)

 

Sonderpreis Kultur des Landes NRW an:
Ullrich Kasten (Buch/Regie)
Jens-Fietje Dwars (Buch)

Redaktion: Jens Stubenrauch (RBB), Martina Zöllner (SWR), Andreas Feurer (DRS)
Buch/Regie: Ullrich Kasten
Buch/Exposé: Jens-Fietje Dwars
Produktion: Chronik TV, Achim Heilmann und RBB, Rainer Baumert
Kamera: Andreas Bergmann
Sendelänge: 88 Min.
Erstausstrahlung: Montag, 27.10.2003, 23.30 h

Inhalt

Ein Leben lang war er auf der Suche, er malte Bilder mit verstörender Wirkung - schrieb über Trotzki, Hölderlin und Kafka und fühlte sich genauso wie seine Helden als Außenseiter: in der Familie, der Gesellschaft, in literarischen und politischen Bewegungen.

Der Schriftsteller Peter Weiss war ein Grenzgänger zwischen Ost und West. Die Ereignisse des 20. Jahrhunderts haben sein Leben und Denken, vor allem seine Arbeiten als Schriftsteller geprägt. Von Dramen wie "Der lusitanische Popanz" über avantgardistische Filme, bis hin zum monumentalen Epos "Die Ästhetik des Widerstands" reicht sein Werk. Faschismus und Krieg, revolutionäre Erschütterungen, der Vietnamkrieg - all dies gehört zum Erbe einer Zeit, mit der sich Peter Weiss kritisch auseinandersetzte. Ein zu Unrecht fast vergessener Künstler.

Die schwierige Biographie dieses "Unzugehörigen", der nach Schweden emigrierte und dort blieb, obwohl er sich bis zu seinem Tode 1982 nach Deutschland sehnte, wird in dem literarischen Essayfilm deutlich: Haltung und Konflikte eines Künstlers zwischen den politischen Systemen werden sichtbar.

Begründung der Jury

"Die Ermittlung", "Die Ästhetik des Widerstands", "Abschied von den Eltern", "Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats", "Viet Nam-Diskurs": lauter Ikonen-Titel eines Autors, der in den 60er Jahren als Person selbst zur Ikone des literarischen Widerstands, der Aufdeckung, der Aufklärung wurde - als ein Hauptvertreter der bundesrepublikanischen Moderne und der oft zitierten Suhrkamp-Kultur. Von dieser damaligen Bedeutung ist heute kaum noch die Rede. Peter Weiss, 1982 gestorben, ist zur Geschichte geworden.

Ullrich Kasten - bereits mit seinem Film zu Johannes R. Becher hervorgetreten als virtuos verknüpfender Interpret von Kultur- und Zeitgeschichte - beweist mit seinem filmischen Essay über Weiss erneut, dass sich im angeblich literaturfremden Fernsehen eine Autoren-Biographie genau und subtil darstellen lässt. Dabei widmet Kasten auch dem bildenden Künstler und dem frühen Experimentalfilmer Peter Weiss viel Raum: Linien seines Werkes, die weniger bekannt sind als seine Romane und Theaterstücke. Und die natürlich im visuellen Medium mit jener Anschauung präsentiert werden können, welche der rein literarischen Kritik versagt sind.

Eine Hauptzeugin und -interpretin ist Weiss' Witwe, die das Oeuvre in Stockholm pflegt und präsentiert. Zwischen die erinnernden, die einordnenden Gesprächspassagen schiebt Kasten behutsam abtastende Bild-Exkursionen, welche die Lebensstationen nachzeichnen. Orte und Erlebnisse, die gesehen, begriffen und verbunden werden unter einer Hauptperspektive, unter einem zentralen Motiv: des Fremd- und Isoliertseins, des Unzugehörigen - und des rebellisch-reflektierten Gegenmittels der Kunst.

Eine zugleich schwierige, changierende und in der Generallinie doch eindeutige Biographie, die Kasten und sein Co-Autor Jens-Fietje Dwars mit einem großen Reichtum an zeitgenössischem Material und mit sorgsam komponierten nachspürenden Bildern (Kamera: Andreas Bergmann) entstehen lassen. Immer in ruhigem Rhythmus und mit gelassenem Atem, auch dann, wenn es um die politisch heißen Themen im Kalten Krieg geht, um die ideologisch-parteiischen Standpunkte eines Autors, der zugleich höchst individuelle Verletzungen aus seiner Familiengeschichte verarbeitete.

Dank seiner vielfältig verschränkenden und verknüpfenden Kunst gelingt diesem Film eine Vermittlung durch Annäherung. Entschlossen genug, um uns Peter Weiss, diesen trotz aller Öffentlichkeit in vielem Verschlossenen, näher zu bringen. Und offen genug, um diese Künstler- und Lebenslinie nicht nach simplen Mustern zu zeichnen und zu erklären.

 
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