54. Grimme-Preis 2018

Sewol - Die gelbe Zeit (BR)

 

Grimme-Preis an

 

Minsu Park (Regie/Konzept)

Gregor Koppenburg (Buch)

Britta Schwem (Buch)

Christoph Hutterer (Schnitt)

 

Produktion: Nominal Film, Dreamlead Pictures, Hochschule für Film und Fernsehen München

Erstausstrahlung: BR, Dienstag, 23.05.2017, 22.30 Uhr

Sendelänge: 77 Minuten

 

Inhalt

Am 16. April 2014 sinkt die südkoreanische Fähre „Sewol“ mit 476 Passagieren an Bord. 304 Menschen ertrinken oder gelten seither offiziell als — Vorsicht Euphemismus — „vermisst“, die meisten von ihnen Schulkinder auf Klassenfahrt. Sie harren in der tödlichen Falle aus, weil ihnen verschwiegen wird, dass sie in Lebensgefahr schweben. Sie gehorchen den Durchsagen, denn sie wurden zum Gehorsam erzogen. Erst im März 2017 wird das Wrack der Fähre geborgen, die Aufarbeitung und Aufklärung des Unglücks dauert bis heute an. Eltern kämpfen für das Andenken ihrer Kinder und beißen auf Granit beim südkoreanischen Staat, der sich einer unabhängigen Untersuchung versperrt und Demonstrationen der Verzweifelten verbietet oder gewaltsam auflöst, die Presse wird unter Druck gesetzt. Doch die Eltern lassen sich nicht mundtot machen: Sie haben ihre Kinder verloren, aber eine Stimme gewonnen und tragen so ihren Teil dazu bei, die eine ganze Gesellschaft lähmenden hierarchischen Traditionen allmählich zu überwinden.

 

Stab

Produktion: Dreamlead Pictures (Christine Ajayi), Nominal Film (Maximilian Plettau) in Koproduktion mit dem Bayerischen Rundfunk, in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Fernsehen und Film München

Buch: Gregor Koppenburg, Britta Schwem

Regie und Konzept: Minsu Park

Schnitt: Christoph Hutterer

Ton: Sungsu Park

Redaktion: Bayerischer Rundfunk // Petra Felber, Fatima Abdollahyan

 

Jurybegründung

Eine Frau holt einen Koffer aus einem Kabuff ihrer Wohnung, öffnet ihn und sagt beinahe entschuldigend, sie habe die Kleidungsstücke darin gewaschen, aber der Geruch gehe nicht raus, der Geruch von Meerwasser. Es ist der Koffer ihrer Tochter, die an Bord der koreanischen Fähre „Sewol“ im Gelben Meer versunken ist. Das Mädchen ist tot, aus dem Leben gerissen, aber der Koffer ist wieder aufgetaucht. Die Mutter zieht ein Sweatshirt aus dem Koffer, das ihre Tochter besonders mochte. In einem Handyvideo sieht man kurz darauf, wie sie es bei einer Schulaufführung trägt. Überhaupt arbeitet der Film viel mit Handyvideos, die den Opfern eine Präsenz verleihen, die umso schmerzhafter ist, als ihr Tod zu verhindern gewesen wäre. „Lieber Vater, hier spricht dein Sohn, es kann sein, dass ich gleich sterben werde“, spricht ein Junge in die Kamera. Und Außenaufnahmen zeigen, wie das Schiff mehr und mehr Schlagseite bekommt, bis es schließlich untergeht.

Es sind solche Szenen schmerzhaftester Intensität, die für den so leisen wie eindringlichen Film „Sewol — Die gelbe Zeit“ einnehmen, der trotz aller Intensität nie ins Voyeurhafte kippt. Mütter, die die Vornamen ihrer Kinder aufs Meer hinausschreien, verzweifelt, beinahe hysterisch, weil sie wissen oder zumindest ahnen, dass die nicht antworten werden, nie wieder. Als Zuschauer vollzieht man den Albtraum der Eltern nach, die Phasen ihres Martyriums: Erst ist da eine große Trauer, die jedoch schnell in Wut umschlägt – Wut auf die gesellschaftlichen Verhältnisse und politische Verantwortungslosigkeit in einem obrigkeitshörigen Staat, der den Eltern die kalte Schulter zeigt. Deren Gefühl der Isolation und Ohnmacht wird beinahe körperlich spürbar. Trauer ist Arbeit, im Falle des „Sewol“-Unglücks Schwerstarbeit.

Empathie ist ein großes, überstrapaziertes Wort, aber Regisseur und Kameramann Minsu Park ist mit seinem Diplomprojekt an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film ein überaus empathischer, respekt- und taktvoller Film gelungen. So fremd dem deutschen Zuschauer die Gesellschaft von Parks Heimatland einerseits ist, so vertraut sind ihm andererseits die Emotionen der Protagonisten von „Sewol — Die gelbe Zeit“. Trauer ist universal fühlbar, Wut ist es auch. „Wir wissen immer noch nicht, warum unsere Kinder sterben mussten“, klagt eine Mutter im Film. Als Zuschauer hofft man inständig, dass zumindest dieser Teil ihres Martyriums bald vorbei sein möge.

 
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