54. Grimme-Preis 2018

Landgericht - Geschichte einer Familie (ZDF)

 

Grimme-Preis an

 

Heide Schwochow (Buch)

Matthias Glasner (Regie)

Petra Heim (Szenenbild)

Johanna Wokalek (Darstellung)

Ronald Zehrfeld (Darstellung)

 

Produktion: UFA Fiction, MIA Film

Erstausstrahlung: ZDF, Montag, 30.01.2017 + Mittwoch, 01.02.2017, 20.15 Uhr

Sendelänge: 202 Minuten

 

Inhalt

Der Zweiteiler „Landgericht" erzählt nach Ursula Krechels Roman das Schicksal der Familie Kornitzer von 1933 bis in die Sechzigerjahre. Richard Kornitzer ist Richter in Berlin, Claire Kornitzer hat eine Werbeagentur. Als er wegen seiner jüdischen Herkunft nicht mehr beschäftigt wird, bemüht sich Richard um Visa nach Kuba; er erhält nur eines und reist auf Claires Drängen allein. Ihre Kinder Georg und Selma haben die Kornitzers mit einem Kindertransport nach England geschickt. Claire, die nicht jüdisch ist, wird schikaniert und von einem Gestapo-Mann vergewaltigt; sie zieht aus Berlin weg an den Bodensee. Richard verliebt sich auf Kuba in eine Lehrerin und zeugt ein Kind mit ihr. Währenddessen leben Georg und Selma in London als verwahrloste Straßenkinder, ein Ehepaar rettet sie. 1947 kehrt Richard zurück und wird Richter in Mainz, umgeben von ehemaligen NS-Juristen. Er, Claire und die fast erwachsenen Kinder bleiben sich fremd. Nach Claires Tod holt Richard seine kubanische Tochter zu sich.

 

Stab

Produktion: Benjamin Benedict, Sebastian Werninger, UFA Fiction/ Michal Pokorný, MIA Film

Buch: Heide Schwochow nach dem Roman „Landgericht“ von Ursula Krechel

Regie: Matthias Glasner

Bildgestaltung: Jakub Bejnarowicz

Szenenbild: Petra Heim

Kostümbild: Wiebke Kratz, Heike Hütt

Maskenbild: Jeanette Latzelsberger, Gregor Eckstein

Schnitt: Heike Gnida

Ton: Patrick Veigel

Musik: Lorenz Dangel

Casting: Nina Haun

Produktionsleitung: Rolf Wappenschmidt

Herstellungsleitung: Tim Greve

Ausführende Produzentin: Verena Monssen

Darsteller: Ronald Zehrfeld, Johanna Wokalek, Saskia Reeves, Barbara Auer, Felix Klare, Ulrike Kriener, Kate Dickie, Ian McElhinney,  Eva Löbau, Michael Rotschopf, Alexander Beyer, Katharina Wackernagel, Edenys Sanchez, Julia Kranz, Linus Düwer, Christian Berkel, Carlos Leal, Aljoscha Stadelmann

Redaktion: Caroline von Senden (ZDF), Solveig Cornelisen (ZDF)

Gefördert durch: FilmFernsehFonds Bayern, Medienboard Berlin-Brandenburg, MFG Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg, Tschechischer Staatsfonds der Kinematografie-Filmförderung

 

Jurybegründung

„Landgericht“ behandelt deutsche Zeitgeschichte unter einem wichtigen, aber bisher im Fernsehfilm selten gezeigten Aspekt. Ausgehend von der Erzählung der Trennung der Kornitzers in der Nazi-Zeit im ersten Teil, legt die Produktion ihren eindrucksvollen Schwerpunkt auf die Nachkriegszeit: Gezeigt wird eine Gesellschaft in der jungen Bundesrepublik, die von den jüdischen Opfern nichts wissen will. Ohne eine einzige Szene, in der Krieg und die Vernichtung explizit stattfinden, wird die Zerstörung durch die Rassenideologie extrem und unversöhnbar deutlich, und zwar in der kleinsten möglichen Form, der Familie. Ronald Zehrfeld und Johanna Wokalek verkörpern als Claire und Richard Kornitzer anfangs ein elegantes Berliner Paar und eine deutsche Modernität, die genauso unwiederbringlich zerstört wird wie ihre Familie.

Dem Drehbuch von Heide Schwochow gelingt es, zusammen mit einer beeindruckenden Schauspiel-Leistung von Wokalek und Zehrfeld, die Geschichte der Kornitzers für den Zuschauer über Jahrzehnte und mehrere Kontinente hinweg zusammenzuhalten. Die Ausstattung wirkt daran ebenso mit wie die gekonnte Handlungsführung. Selbst Szenen am Nebenschauplatz Kuba gewinnen durch Liebe zum Detail eine überzeugende Präsenz. Dabei seziert der Zweiteiler die gewaltsame Entfremdung von Menschen, die sich lieben. Erwähnt sei auch, gerade mit Blick auf die Gegenwart: „Landgericht“ zeigt uns Flüchtlingsschicksal. Was da kaputt gemacht wurde, wird in „Landgericht“ erst bei der Rückkehr Richard Kornitzers aus dem Exil drastisch sichtbar. Während der Glaube daran, irgendwann wieder als Familie zusammen zu sein, allen Kornitzers beim Überleben geholfen hat, finden sich nach dem Krieg einander entfremdete Eltern und halberwachsene Kinder wieder, die längst keine Familie mehr sind - sondern nur noch Einzelmenschen mit einem gespenstischen Phantomschmerz.

Am Anfang sehen wir, wie Claire und Richard ihre kleinen Kinder Georg und Selma einem Kindertransport anvertrauen. Im zweiten Teil erleben wir, wie die Tochter ihre eigene Mutter nicht wiedererkennt. Claire holt Selma gegen deren Willen zurück nach Deutschland; ihre Schuldgefühle und ihre Furcht vor der Unberechenbarkeit des fremden Kindes sind aber so groß, dass sie ein Pilzgericht von Selma ablehnt, aus Angst, die könnte sie in ihrem Hass vergiften wollen. Dass Mutter und Tochter sich durch die faktisch lebensrettende Trennung beim Kindertransport tatsächlich für immer verlieren, gehört zu der verstörenden Wirklichkeit, mit der „Landgericht“ konfrontiert. Ebenso wie die Tatsache, dass der einst von den Nazis aus dem Land getriebene Richard Kornitzer nach dem Krieg unter seinen Juristen-Kollegen immer noch der unerwünschte jüdische Fremdling ist. Dieses Familienepos lässt den Zuschauer mit einem Gefühl von Verlust und Trauer zurück, das scheinbar konträr zum optimistischen Wiederaufbaumythos der fünfziger und sechziger Jahre läuft und doch als beschwiegene Realität untrennbar zur deutschen Geschichte gehört.

 
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