54. Grimme-Preis 2018

Kroymann (RB)

 

Grimme-Preis an

 

Maren Kroymann (Darstellung/Autorin)

Sebastian Colley (Headautor)

 

Produktion: Bildundtonfabrik

Erstausstrahlung: Das Erste, Donnerstag, 09.03.2017, 23.30 Uhr

Sendelänge: 30 Minuten

 

Inhalt

Maren Kroymann ist Maren Kroymann in „Kroymann“, zumindest in den strukturierenden Passagen zwischen den einzelnen Sketchen. Da konsultiert Kroymann eine Psychoanalytikerin (Annette Frier), der sie ihr Leid als alternde und überdies lesbische Schauspielerin klagt. Oder sie besucht die Schwägerin (Annette Frier) in der schwäbischen Provinz, die von „Kroymann“ nur gehört, die Sendung aber nie gesehen hat. Aus den Gesprächen ergibt sich skizzenhaft, was in den Sketchen dann mit Genuss ausformuliert wird – Frauen in Führungspositionen, gleichgeschlechtliche Ehe, Sexismus im Alltag, Spießer und Flüchtlinge oder das Verhältnis von Eltern zu ihren berufstätigen Kindern. In diesen Episoden ist Maren Kroymann dann nicht mehr Maren Kroymann, sondern die affektierte Schauspielerin „Monica Pavoni“, eine dominante Brigitte Macron oder einfach Erika Steinbach. Jede der halbstündigen Folgen endet mit einem Song, der ebenfalls auf die verhandelten Themen Bezug nimmt.

 

Stab

Produktion: btf GmbH

Produzent: Matthias Murmann, Philipp Käßbohrer

Redaktion: Annette Strelow (RB)

Creative Producer: Sebastian Colley

Herstellungsleitung: Viola Daniels

Produktionsleitung: Daniela Nickel

Aufnahmeleitung: Hannah Cencig

Buch: Sebastian Colley, Philipp Käßbohrer, Maren Kroymann, Hans Zippert, Sven Nagel

Regie: Felix Stienz, Philipp Käßbohrer

Hauptdarstellerin: Maren Kroymann

Cast: Annette Frier, Burghart Klaußner, Jürgen Rißmann, Arved Birnbaum, Anna-Katharina Fecher, Laura Schwickerath, Volker Muthmann, Alexander Wipprecht, Heiko Pinkowski, Cordula Stratmann, u.v.m.

Kamera: Berta Valin Escofet, Alexander Pauckner, Brendan Uffelmann

Licht: Fabian Zenker, Konrad Zimmermann

Schnitt: Rainer Nigrelli

Originalton: Moritz Minhöfer

Ton: Kai Holzkämper, Tom Vermaaten, Matthias Krämer, Paul Große-Schönepauck (Sound Design), Robert Keilbar, Frank Buermann (Tonmischung)

Kostüm: Hannah Leiner

Maske: Carolin Gechter, Madeleine Magnus

Szenenbild: Stephanie Schulz, Johannes Schmitt

Color Grading: Fridolin Körner

On Air Design: Julian Schleef, Matthias Gerding, Jakob Weiß

Komposition „Wir sind die Alten“: Andreas Fabritius

Text „Wir sind die Alten“: Max Bierhals, Giulia Becker 

 

Jurybegründung

„Kroymann“ ist komisch. Lustig im ganz elementaren Sinne, dass es zum Lachen reizt. An unerwarteter Stelle – aber auch dort, wo man die Pointe schon seit Minuten kommen sieht, einfach, weil sie dann doch gar so gelungen gesetzt ist. Der Hinweis auf die Komik ist deshalb wichtig, weil „Kroymann“ nicht nur dafür ausgezeichnet wird, dass es außerordentlich unterhaltsame Satire bietet.  

Maren Kroymann gehört seit 30 Jahren sozusagen zum festen Inventar des deutschen Fernsehens. Ihre ersten Rollen an der Seite von Robert Atzorn in „Oh Gott, Herr Pfarrer“ oder als „Vera Wesskamp“ etablierten sie, wenn zunächst auch im trivialen Fach, als ernsthafte Schauspielerin. Ihr satirisches Potential brachte sie bereits von 1993 bis 1997 mit „Nachtschwester Kroymann“ zur Entfaltung. Mit „Kroymann“ knüpft sie an dieses Format an und bringt es mit Charme, Witz und Ironie zur Vollendung.

Überraschend ist vor allem die anarchische Härte, mit der hier im Öffentlich-Rechtlichen die üblichen Stereotype aufs Korn genommen werden. So halten es Bankchefs für einen „Gleichstand“, wenn beim Einstellungsgespräch ein Rollstuhlfahrer und eine Frau gegeneinander antreten. Den rasch eskalierenden Überbietungswettbewerb (Lesbisch! Moslem! Jüdischer Großvater, aber „leider“ nur in Theresienstadt, nicht in Auschwitz) entscheidet dann die Kandidatin mit einem Tourette-Anfall für sich, in dem sie die anwesenden Gockel trefflich beschimpft. Der Clip zur Szene machte, sozusagen als Auskopplung, sogar eine verdiente virale Karriere im Netz.

Spürbar ist die Handschrift des „Creative Producer & Head Author“ Sebastian Colley („Neo Magazin Royale“), der seine Arbeit kongenial in den Dienst der Persönlichkeit von Maren Kroymann stellt. Auch dann, wenn sie mit Schauspielern agiert, die allesamt hochkarätig und überdies oft genrefremd sind – wie etwa Claude-Oliver Rudolph, Thomas Heinze oder Walter Kreye. Die Präsenz von Cordula Stratmann, Annette Frier und Maximilian Meyer-Brettschneider (als Emmanuel Macron) machen aus „Kroymann“ auch so etwas wie eine Ensemble-Arbeit. Der Kunstgriff, immer wieder als „sie selbst“ aufzutreten, verleiht der Serie eine erfrischende Authentizität. 

Timing, Ton und Themen sitzen. Konzessionen ans Publikum werden keine gemacht, Erwartungen gerne gebrochen. Über das Handwerkliche hinaus sei gesagt, dass seit „Ladykracher“ – und weit über dem schenkelklopfenden Niveau der „Ladies Night“ beim WDR hinaus – niemand mehr feministische Anliegen mit einer so feinen Nonchalance zur Geltung gebracht hat wie Maren Kroymann. Was ist mit der alten Feministin, die sich bei „Femen“ engagieren will? Wie reagiert eigentlich Brigitte Macron darauf, dass ihr Mann offenbar Angela Merkel attraktiv findet? Wie fühlt es sich an, in Talkshows fortwährend unterbrochen zu werden? Hochaktuelle Fragen – von der #MeToo-Debatte bis zur AfD – werden hier in kleine Kammerspiele gegossen, die bei aller Freude an der spitzen Pointe eindeutige Antworten nicht schuldig bleiben. 

Bei „Kroymann“ wird Haltung zu Unterhaltung. Eine Fortsetzung erscheint der Grimme-Jury dringend.

 
Zurück