54. Grimme-Preis 2018

Cahier Africain (ZDF/3sat)

 

Grimme-Preis an

 

Heidi Specogna (Buch/Regie)

Johann Feindt (Kamera)

 

Produktion: PS Film, Filmpunkt

Erstausstrahlung: 3sat, Montag, 04.12.2017, 22.25 Uhr

Sendelänge: 119 Minuten

 

Inhalt

Im Mittelpunkt des Films steht ein schmales Schulheft. Es enthält die mutigen Aussagen von 300 Frauen und Mädchen, auch einigen Männern, aus der Zentralafrikanischen Republik. An diesen Menschen begingen 2002 kongolesische Söldner schwere Verbrechen. Das Heft ist das Beweisstück und gelangt in einer Geheimmission an den Internationalen Gerichtshof in Den Haag. 

„Cahier africain“ begleitet seine Protagonisten aus dem Dorf PK 12, einem Vorort der Hauptstadt Bangui. Da ist Amzine, eine junge muslimische Frau, die als Folge der Vergewaltigungen von 2002 ein Kind zur Welt gebracht hat. Und Arlette, ein christliches Mädchen, das jahrelang an einer nicht verheilenden Schusswunde litt. Sie wurde erfolgreich an der Berliner Charité operiert. Die Protagonisten in PK 12 haben einen schwierigen Alltag zu meistern, aber kaum haben sie einigermaßen Fuß gefasst, da bricht schon der nächste Krieg aus. Die Protagonisten werden in einen Strudel von Gewalt und Vertreibung gerissen. Der Film dokumentiert den Zusammenbruch von Ordnung und Zivilisation in der Zentralafrikanischen Republik.

Stab

Produktion: PS Film und Filmpunkt in Koproduktion mit ZDF/3sat

Buch: Heidi Specogna

Regie: Heidi Specogna

Kamera: Johann Feindt

Schnitt: Kaya Inan

Musik: Peter Scherer

Ton: Karsten Höfer, Thomas Lüdemann, Bernd von Bassewitz, Jule Cramer, Florian Hoffmann, Andreas Turnwald

Produzenten: Stefan Tolz, Peter Spoerri

Redaktion: Katya Mader, Udo Bremer

 

Jurybegründung

Heidi Specogna bohrt als Regisseurin dicke Bretter. Ihre Filme ergeben sich meist aus vorangegangenen Filmen. Hat sie eine Geschichte erzählt, findet sie einen Ansatzpunkt, daraus eine weitere zu erzählen. Und das logisch und herzzerreißend zwangsläufig. So erreicht die Regisseurin mit ihren Langzeitprojekten eine Tiefe und ein Verständnis ihrer Geschichten, die in der kurzlebigen Medienlandschaft selten geworden sind.

Die Geschichte von „Cahier Africain“ beginnt schon in ihrem mehrfach preisgekrönten Film „Carte Blanche“. Darin geht es um Verbrechen in der Zentralafrikanischen Republik, um mörderische Übergriffe kongolesischer Söldner und um den Strafprozess gegen deren Anführer Joseph Bemba vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Die Verbrechen geschahen 2002, der Prozess gegen Jean-Pierre Joseph Bemba wurde 2016 mit einer Verurteilung abgeschlossen.

2011-2012 kehrt die Filmemacherin in die Zentralafrikanische Republik zurück. Sie wollte einen Film über die Frauen drehen, wie sie ihr Schicksal meistern, über ihren Mut, ihre Würde. Aber aus dem Plan, einige Frauen aus Bangui, unter ihnen Amzine und Arlette, zu porträtieren, wurde nichts. Es brach wieder Bürgerkrieg aus. Der Film reagiert auf die veränderte Lage, das Drehbuch wurde durch die Realität brutal umgeschrieben. Jetzt erzählt er, wie die Menschen erneut durch Gewalt und Bürgerkrieg aus ihrem normalen Leben gerissen werden. Die Frauen müssen vor der Gewalt fliehen, die Muslima ebenso wie die Christin. Diese Flucht, eine, die Europa gar nicht erreicht, erfasst der Film in bestürzend dichten, dramatischen Bildern – eine großartige Kameraarbeit. Unvergessliche, dramatische Szenen und Begegnungen. Kaum einmal wurde von Gewalt, Angst, Panik in dieser Weise berichtet und erzählt. Eine große Apokalypse.

Am Ende gelingt es Amzine, ins Nachbarland Tschad zu fliehen. Auch Arlette überlebt. Amzine macht sich daran, ihr Leben von ganz unten auf neu aufzubauen, mit einem Tischchen und ein paar Waren. Ihre Hütte hat sie selbst gebaut und die Kamera verlässt die Szenerie mit einer langen nächtlichen Einstellung aus wohltuender, respektvoller Distanz: die Hütte im tiefen Dunkel, warmes Licht darin, Ruhe, Sicherheit. Christliche Ikonographie.

„Cahier Africain“ ist ein sehr persönlicher Film, getragen von der Empathie mit dem Schicksal der Frauen, basierend auf Vertrautheit und Verlässlichkeit. Er ist einer jener Dokumentarfilme, die aufs Eindringlichste belegen, warum solche dokumentarische Arbeit notwendig ist. Er zeigt, wie wichtig der lange Atem ist gegen die medialen Schnelldurchläufe, gegen das Fragmentarische und immer wieder Verschwindende in unserem medial vermittelten Wissen. Er erfasst eine sonst von der Wahrnehmung ausgeblendete Tragödie, das Schicksal der Frauen und ihrer mit Gewalt gezeugten Kinder. Und er ist ein einzigartiges Dokument aus einer Welt, von der wir immer nur hören, dass von dort irgendwo die Flüchtlinge herkommen, die es von Europas Grenzen abzuhalten gilt.

 
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