54. Grimme-Preis 2018

Ab 18! Du warst mein Leben (ZDF/3sat)

 

Grimme-Preis an

 

Rosa Hannah Ziegler (Buch/Regie)

 

Produktion: Wendländische Filmkooperative

Erstausstrahlung: 3sat, Montag, 06.11.2017, 22.55 Uhr

Sendelänge: 45 Minuten

 

Inhalt

Vierhundert Kilometer ist Yasmin angereist, um nach Jahren des Kontaktabbruchs ihre Mutter Eleonore wiederzutreffen. Mit acht Jahren hat das Jugendamt die heute Zweiundzwanzigjährige aus der Familie geholt. Aufgewachsen ist sie danach in Heimen. Familie, das waren „wir drei Musketiere“ im Kampf gegen das Leben. Eine heroinabhängige Mutter, selbst durch jahrelangen Missbrauch des Vaters schwer traumatisiert, die die Kinder manchmal tagelang alleine ließ, weder für Essen noch Trinken sorgte und Spielzeug vom Sperrmüll organisierte. Die sich an Yasmin und ihren älteren Bruder Matthias klammerte wie an Emotionskrücken, aber nicht in der Lage war, für sie zu sorgen. Eine Mutter, die regelmäßig ausrastete, wenn sie auf Entzug war. Vernachlässigung, Gewalt und Isolation bestimmten den Alltag der Kinder, bevor das Amt sie wegholte. Anders als ihr Bruder ging Yasmin radikal auf Abstand, schrieb viel über ihre Gefühle. Rosa Hannah Ziegler hat den Versuch der jungen Frau, sich aus einem beschädigten Leben herauszuwinden, schon einmal in einem Film porträtiert. Roh und ungefiltert ging es da um Yasmins Selbstgefühl, ihre Verlorenheit und ihren Versuch, sich schreibend zu bestimmen, allein.

 

Stab

Produktion: Wendländische Filmkooperative

Buch: Rosa Hannah Ziegler

Regie: Rosa Hannah Ziegler

Kamera: Johannes Praus

Schnitt: Rosa Hannah Ziegler, Gerhard Ziegler

Ton: Philipp Schwabe

Redaktion: Daniel Schössler

 

Jurybegründung

Der Film „Du warst mein Leben“ aus der Reihe „Ab 18!“ ist die Versuchsanordnung einer Annäherung auf scheinbar neutralem Boden. Auf der Insel Borkum treffen sich Mutter und Tochter in einem grauen Ferienappartmentblock mit Blick aufs Meer. Die architektonisch brutalistische Architektur mit ihren Klötzen und streng vertikalen und horizontalen Linien stellt eine Art Bühnenkomplex ohne jeden Kulissenzauber dar. Sie reden. Sie versuchen zu reden. Über die Vergangenheit, über den Versuch, eine Dialogbrücke zu bauen. Meistens stellt Yasmin die Fragen. Der Versuch eines Gesprächs scheitert immer wieder schmerzhaft. Nicht nur Tochter, Mutter und die Kamera suchen eine Balance von Nähe und Distanz, auch der Betrachter spürt Unbehagen. Eine Gratwanderung. Ein Therapiegespräch ohne Therapeut, kann das gut gehen? Darf man das so ungeschützt gestalten, als Filmemacher(in)?

„Ab 18! Du warst mein Leben“ ist ein bedrückendes Kammerspiel ohne Komfortzone. Ein Film, der beim Sehen wehtut. Trotz des künstlichen Settings, das an eine Laborsituation erinnert und das Gezeigte scheinbar abstrahiert. Hergestellt wird von der Filmemacherin aber keine Verfremdung im Brechtschen Sinne, sondern „bloß“ eine schmerzhaft ablenkungsfreie Situation. Der schmale Beton-Balkon, auf dem sich Mutter und Tochter meistens aufhalten, wird wie ein Guckkasten von der Seite in den Blick genommen. Zieglers Bildsprache ist bewusst formal streng und direkt. Reduziert, fast minimalistisch. Und stimmig. Einmal ist der Bildschirm durch die Hauskante in der Mitte geteilt, horizontal die Balkons in der Wohnmaschine, links das Meer, ein Schiff schwimmt anscheinend auf die Fassade zu, es ist bloß eine optische Täuschung. Vor der grauen Weite des Meeres bremst das Wohnungsungetüm den Blick. Erzählt wird hier eine exemplarisch schreckliche Familien- und Beziehungsgeschichte – in Bildern, die Raum geben, nicht aufdringlich, trotz der Nähe, die paradoxerweise zu den Protagonisten entsteht. Schon bald scheinen Tochter und Mutter außer sich nichts mehr wahrzunehmen, mehr allein mit sich als miteinander zu sein. Und doch sprechen beide in dieser dokumentarischen Inszenierung auch und vor allem für die Kamera. Es geht um Rechtfertigung für die Mutter und Verständnis für die Tochter. Oder ist es genau umgekehrt? Die Situation der beiden hat, wie in der antiken Tragödie, etwas Unentrinnbares. Das archaische Drama findet vor nüchterner Kulisse statt. Wörter, Blicke, Gesten, Rauchen, Weiterleben. In seiner Nüchternheit ist Rosa Hannah Ziegler ein großartiges dokumentarisches Protokoll gelungen, das von Beziehungsverlust, Einsamkeit, Überlebenswillen, persönlichem Mut und biografisch vorgezeichnetem Scheitern mit unglaublich starker Kraft erzählt.

 
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