54. Grimme-Preis 2018

5vor12 (BR)

 

Grimme-Preis an

 

Marcus Roth (Buch)

Tillmann Roth (Buch)

Christof Pilsl (Regie)

Niklas Weise (Regie)

 

Produktion: tv60film

Erstausstrahlung: KiKA, Montag, 18.09.2017, 20.35 Uhr

Sendelänge: 24 x 25 Minuten

 

Inhalt

Zusammen mit zwei Trainern verbringen fünf Jugendliche, die auf verschiedene Weise mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind, sechs Wochen auf einer einsamen Hütte in den bayerischen Bergen. Ohne Strom, ohne fließendes Wasser, ohne Handys, allein auf sich gestellt. Dieser Camp-Aufenthalt der besonderen Art könnte ihnen im Erfolgsfall den Jugendstrafvollzug ersparen. Sie müssen lernen, für sich selbst zu sorgen. Sie erfahren, wie schwer das Leben sein kann, wenn man sich um alles selbst kümmern muss. Sie sind aber auch gezwungen, sich mit ihrem bisherigen Leben auseinanderzusetzen und zu lernen, wie eine Zukunft für sie aussehen könnte – ohne Gewalt, ohne Drogen, ohne Alkohol. Unter diesen, für sie extremen Bedingungen kommen die Charakterzüge der fünf Jungs besonders zum Vorschein. Herausgefordert und provoziert, offenbart jeder von ihnen immer wieder Schwächen und Stärken. Die Grenzen der Camp-Regeln werden dabei stetig ausgetestet.

 

Stab

Buch: Tillmann Roth, Marcus Roth

Regie: Niklas Weise, Christof Pilsl

Kamera: Ralf K. Dobrick

Schnitt: Rick Lorrig, Laura Heine, Artjom König

Ton: Michael Vetter, Rainer Plabst

Musik: Martin Brugger, Carlos Cipa

Darsteller: Yusuf Celik, Klaus Bobach Rios, Junis Marlon, Arton Novobredaljia, Philipp Julio von Schade, Janne Drücker, Andreas Leopold Schadt u.v.m.

Produzenten: Sven Burgemeister, Marcus Roth

Redaktion: Andreas M. Reinhard

 

Jurybegründung

Die Prämisse von "5vor12" klingt auf den ersten Blick wie eine dieser Doku-Soaps, in denen schwer erziehbare, zur Aggression neigende Teenager zwecks Läuterung in eine Extremsituation geschickt werden. Selbst auf den zweiten Blick ist man sich noch nicht ganz sicher, wo die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verlaufen. Das liegt daran, dass keine gestandenen Schauspieler die Rollen der Jugendlichen und der Sozialarbeiter übernommen haben, sondern überwiegend Laiendarsteller, die im wahren Leben dicht an der Erlebniswelt ihrer Figuren stehen. Janne Drücker, die Trainerin Monika in der Serie, führt auch in ihrem Hauptberuf als Sozialarbeiterin ähnliche Camps durch und hat ein paar ihrer heranwachsenden Teilnehmer an die Produktion vermittelt. Als fiktionale Serie erhält "5vor12" dadurch einen nahezu dokumentarischen Charakter und eine Authentizität, deren intensiver Wirkung man sich kaum entziehen kann. Was passiert, wenn man in einer ohnehin zur Rebellion tendierenden Lebensphase ein Stück zu weit vom rechten Weg abkommt? Wie offen und ehrlich legt man sich selbst und anderen gegenüber Rechenschaft über die eigenen Verfehlungen ab? Und was braucht es, um sich wieder zu fangen und Verantwortung für die eigene Zukunft zu übernehmen? Diese Fragen erörtert die Serie ohne einen Anflug von Didaktik, statt-dessen mit Betonung der abenteuerhaften Storyline und des Identifikationspotenzials der Hauptfiguren. Für ein junges Zielpublikum die optimale Kombination, um sich auf die 24-teilige Erzählstrecke einzulassen; selbst für ältere Zuschauer ein gelungener, fesselnder Einblick.

Die Drehbücher von Marcus und Tillmann Roth sind präzise recherchiert, lassen den Darstellern aber genügend Spielraum für spontane Ausbrüche. Die Regie von Christof Pilsl und Niklas Weise wiederum weiß diese Emotionalität des Augenblicks ebenso einzufangen wie die Größe der Natur, vor der die straffällig gewordenen Jugendlichen nur umso stärker auf sich selbst zurückgeworfen scheinen. Spannung, die sich aus der Entwicklung der Charaktere speist, und bewegende Momente als Andockstellen sind bei "5vor12" gekonnt ausbalanciert. Das Motiv der letzten Chance auf Bewährung funktioniert sowohl im dramaturgischen Wortsinn der fiktionalen Handlung, als auch im breiteren Kontext einer gesellschaftlichen Bewusstseinsschärfung. Wer gewalttätig geworden ist oder eine andere Straftat begangen hat, kann dennoch positive Talente besitzen. Diese in den Vordergrund der weiteren Persönlichkeitsentfaltung zu ziehen und niemanden vorschnell abzuschreiben, ist das erste Gebot ernst genommener Rehabilitierung. Hier überzeugt "5vor12" mit eben jener Vielfalt an Grautönen statt simplem schwarzweiß, wie sie auch das echte Leben auszeichnet. Höchst erfreulich, wenn eine TV-Serie das schafft – erst recht, wenn es eine Serie ist, die sich an eine jugendliche Zielgruppe wendet.

 
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