54. Grimme-Preis 2018

4 Blocks (TNT Serie)

 

Grimme-Preis an

 

Marvin Kren (Regie)

Maryam Zaree (Darstellung)

Kida Khodr Ramadan (Darstellung)

 

Produktion: Wiedemann & Berg Television

Erstausstrahlung: TNT Serie, Montag, 08.05.2017, 21.00 Uhr

Sendelänge: 6 Folgen in 1 Staffel á 50-60 Minuten

 

Inhalt

Die Straßen von Neukölln sind fest in der Hand der libanesischen Familie Hamady. Ihr Oberhaupt Toni lebt seit 26 Jahren in Deutschland, hat Frau und Kind und will raus aus der organisierten Kriminalität. Er möchte ein ehrbarer Geschäftsmann werden und in Immobilien investieren. Daran hindert ihn zum einen das deutsche Gesetz: Toni und seine Frau Kalila haben keinen deutschen Pass und dürfen nicht arbeiten. Zum anderen steht ihm seine eigene Familie im Weg. Sein Schwager Latif wird mit neun Kilogramm Kokain im Auto verhaftet, sein Bruder Veysel hat einen Polizisten erschossen und ein verfeindeter Rocker-Clan macht den Hamadys plötzlich Konkurrenz. Toni kämpft also: um seine Brüder und um sein Revier. Dabei bekommt er Unterstützung von seinem alten Freund Vince, der lange verschwunden war und wie aus dem Nichts wiederauftaucht. Er wird der einzige Deutsche im Clan. Doch Toni ahnt nicht, dass Vince eigentlich für die Polizei arbeitet.

 

Stab

Buch: Richard Kropf, Bob Konrad, Hanno Hackfort, Marvin Kren, Benjamin Hessler

Regie: Marvin Kren

Kamera: Moritz Schultheiß

Schnitt: Jan Hille, Lars Jordan

Ton: Jürgen Göpfert 

Musik: Stefan Will, Marco Dreckkötter

Darsteller: Kida Khodr Ramadan, Frederick Lau, Maryam Zaree, Veysel Gelin, Wasiem Taha, Almila Bagriacik, Oliver Masucci, Gisa Flake, Ronald Zehrfeld, Ludwig Trepte, Karolina Lodyga

Redaktion: Anke Greifeneder (TNT Serie)

Produktion: TNT Serie (Anke Greifeneder, Hannes Heyelmann) und Wiedemann & Berg Television (Quirin Berg, Max Wiedemann, Prof. Dr. Eva Stadler, Karsten Rühle)

 

Jurybegründung

Über keinen anderen Beitrag hat die Jury so lange diskutiert wie über „4 Blocks". Für die Einen ist die Serie ein Gangsterporno, eine Glorifizierung von Gewalt und Illegalität. Für die Anderen ist sie das Abbild der sozialen Zustände in Neukölln, eine Anklage an die gescheiterte Integrationspolitik der vergangenen Jahrzehnte und ein längst überfälliger Blick in ein Milieu, das vom deutschen Fernsehen zu lange vernachlässigt wurde. Allein dass die Sichtweisen der Jurymitglieder so gegensätzlich waren, zeigt, dass den MacherInnen hier eine Serie gelungen ist, die es im deutschen Fernsehen so noch nicht gab.

Da ist etwa das Ensemble, das vor allem aus Laiendarstellern besteht: Szenegrößen, Ex-Gefängnisinsassen, Rapper. Ihre massive körperliche Präsenz, ihre Aggressivität, die Wucht, mit der sie durch Neukölln laufen, scheinen förmlich den Bildschirm zu sprengen. Einzelne Szenen werden so quasi zum Hip-Hop-Video. Den Soundtrack dazu liefern die Darsteller gleich mit.

Angeführt wird das Ensemble von den grandiosen Schauspielern Kida Khodr Ramadan und Maryam Zaree. Ramadan spielt den Toni mit großer Lässigkeit. Gemütlich schiebt er seinen Bauch durch Neukölln, wird aber schlagartig zum Chef, wenn es darum geht, seine Familie zu verteidigen. Ramadan gibt den Clanstrategen, den Macho und den liebenden Familienvater mit Leichtigkeit. Seine Partnerin Zaree ist mit ihm schauspielerisch stets auf Augenhöhe. Als Tonis Ehefrau Kalila ist sie hin- und hergerissen zwischen dem guten Leben als Gangsterfrau und der Hoffnung auf ein Leben in der Legalität – und Zaree spielt all das mit großem Ernst. In den Geschichten der weiblichen Figuren steckt mindestens genauso viel gesellschaftspolitischer Stoff wie in den männlichen Rollen, leider werden sie nur angeschnitten.

Aber bei all diesen Aspekten einer gelungenen Milieustudie ist „4 Blocks“ vor allem ein spannender Krimi. Es geht hier um die große Show, um die Inszenierung der Neuköllner Straßenkids, mit Bling Bling, dicken Autos, Drogen und Gewalt. Die Fragen nach Moral, nach Gut und Böse, werden zwar aufgeworfen, aber nicht beantwortet. Das tut gut in einer Fernsehlandschaft, die oft dominiert ist von einem gereckten pädagogischen Zeigefinger.

An vielen Stellen bedienen sich die MacherInnen der Serie an der Ästhetik der großen Mafiaerzählungen. Nicht ohne Grund heißt die Hauptfigur Toni – eine Anspielung auf Tony Montana aus „Scarface“. Wenn Toni Hamady zuhause den gutbürgerlichen Familienvater gibt, der sich auch in der CDU-Mittelstandsvereinigung wohlfühlen dürfte, der penibel von Straßen- auf Hausschuhe wechselt, bevor er das Parkett seiner Altbauwohnung betritt, dann erinnert das auch an Tony Soprano aus der gleichnamigen US-Serie. Wenn Toni und seine Gang durch die tristen Gänge der Neuköllner Sozialbauten laufen, dann sieht das aus wie die Gangs aus Neapel in der Verfilmung von „Gomorrha“.

Manchmal schrammt „4 Blocks“ damit nah am Gangsterkitsch entlang: Vivaldis „Frühling“ zur finalen Blutorgie – das ist dick aufgetragen. Aber, wie so vieles in „4 Blocks“, so dick, dass es gut ist.

 
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